Die Basis des Make-Up

Die Basis des Make-Up

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Zeichnung (456) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die gezückten Beine der Rockettes in der Radio City Music Hall in NYC während einer Weihnachts-Show. Ihre militärische Ausrichtung erinnert an die Schwarmintelligenz von Tieren. Sie scheinen wie auf einem Rachefeldzug alles niederzutrampeln, und wollen doch nur lustig sein und das Militär persiflieren. Wer es glaubt, wird selig. Darunter heilende Hände, die sich auf die Schädeldecken zweier hingerichteter Seeräuber legen. Ihre abgeschlagenen Köpfe waren zur Abschreckung und zum Verwesen auf zwei Holzpfähle auf dem Grasbrook im Hamburger Hafen genagelt worden.  „HeHe“: Hermann und Heinrich. Heinrich konnte Hermann gut leiden, Hermann war es egal, und so hatten sie sich zusammen dem Rauben und Morden hingegeben, zuerst im Auftrag der Hanse und dann ganz fatalistisch gegen sie. Es tut gar nicht weh, wollte Heinrichs abgeschlagener Kopf noch aus dem Korb heraus zu Hermann sagen, aber dem war, wie gesagt, soundso alles egal. Er hatte nur den einen Wunsch, nicht als Funkenmariechen in Köln wieder auferstehen zu müssen." (Aus: arsenal, dezember 17).

(1983)

David Marc druckte die Zeichnung 1995 in seinem Buch Bonfire of the Humanities auf Seite 46 mit der Unterschrift ab: "With mental automation as with physical automation there is an inevitable transcendence of mere improvements in speed and efficiency", und eröffnete damit das Kapitel Drei des Buches: "Mass Memory – The Past in the Age of Television".

 

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Zeichnung (142) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Zwei Frauen tasten sich in einem Büro gegenseitig die Lymphdrüsen ab, um eine mögliche HIV-Infektion zu diagnostizieren. Im Hintergrund grobe Daten aus der Vermessung eines Gehirnrindenfeldes zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Gelesen wird, was auf den Tisch kommt. Die Furcht vor dem eigenen Mikrokosmos wird in den Makrokosmos projiziert, und der Makrokosmos in die Fingerspitzen, die nichts Gutes verheißen. Sechs stark vergrößerte Mouches volantes gleiten als Kleinstlebewesen verkleidet über die Bildfläche. Links oben ein einfacher Knoten in einem einzelnen schwarzen Haar, enorm vergrößert. Daß wir den Maßstab und die Relationen für unsere Wahrnehmungen wählen können, ist ein Resultat menschlichen Erfindungsgeistes. Sie dann zu interpretieren bleibt weiterhin eine Kunst. Gedanken haben die Angewohnheit, sich in etwas zu verlieren. Das ist ihre Arbeit. Aber statt gedankenverloren dazustehen, biegen die meisten Menschen zu früh ab, in die Krankheit der Rechthaberei. Der Rest steht allein da oder geht seines Weges." (Aus: arsenal, november 17)

(1996) 

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Zeichnung (332) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Summer in the City: Der Drogenbeauftragte von Harlem mit Baseballkappe und nacktem Bauchnabel trifft auf eine korpulente Frau mit wehenden Haaren im Berliner Prinzenbad. The Lovin’ Spoonful machten Reklame für Heroin, die Steve Miller Band für Kokain und The Mamas & The Papas verkauften dann das Zeugs. Horizontal die Beine von Turmspringern mitten im Flug, in positiv und negativ, seitenrichtig oder seitenverkehrt. Eine Tänzerin und ein in einer Sandgrube landender Weitspringer mit kahlen Köpfen vor zwölf verzerrt gezeichneten Zigaretten aus Packungen, auf denen Schreckensbilder vor dem Tod warnen sollen. Geben Sie mir die mit der schwarzen Lunge drauf, bittet der Käufer am Kiosk, und die rauchende Verkäuferin erwidert, Vor Zucker warnen sie nicht mit Bildern von offenen Beinen. Die Tänzerin wird vom gesamten Haarwuchs umkreist, den ein Mensch umgerechnet in die Länge eines einzigen Haares pro Tag produziert. Das imaginäre Haar reicht von Glatze zu Glatze als Beweisstück einer unmerklich zärtlichen Kommunikation." (Aus: arsenal, juli/august 17).

(1996) 

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Zeichnung (489) aus Die BASIS des MAKE-UP

"Dial NERVOUS for the time. Mit angespitzten Bleistiften die Buchstabenwählscheibe eines schwarzen Telefons bedienen, obwohl der schwere Hörer noch aufliegt. Ein Blick aus dem vorderen Raum unseres Railroad-Apartments auf die nächtliche President Street in Brooklyn im Winter 1975. Von links unten ragt ein Nordlicht ins Bild, das den Telefonapparat abschirmt. Der Vermieter hatte uns einen mannshohen Kühlschrank zur Verfügung gestellt, um die Kücheneinrichtung zu vervollständigen. Vor unserer Haustür war der Schrank beim Transport zu Boden gefallen. Dabei hatte sich seine Tür weit geöffnet, und Horden von Kakerlaken entströmten seinem Inneren. Weithin sichtbar liefen sie über den Schnee und verschwanden in irgendwelchen Ritzen. Nicht nur deshalb verabscheuten uns die Nachbarn mit puertoricanischer und italienischer Abstammung. Wir wohnten direkt auf der Trennlinie zwischen ihnen, eine weitere Ethnie war nicht erwünscht. Ein anonymer Brief, der kurz darauf in unserem Briefkasten befand, begann so: 'Dear Sirs ...'."

(Aus: arsenal, januar 17).

(1984)

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Zeichnung (304) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Am ersten Schultag, 1954 in Niedersachsen, mit meinem Stiefopa vor einer Hecke und einer Edeltanne in unserem Vorgarten am frisch angelegten Steinbeet. Er erzählte mir von einem Eisernen Vorhang quer durch Deutschland. Dessen Konstruktion dachte ich mir als verschraubtes Stahlgerüst. Ich fragte mich, wie es im Himmel aufgehängt sein könnte. Auf der anderen Seite war es sicherlich tief im Boden verankert. "EV" = Eiserner Vorhang = e.V. = eingeschriebener Verein = ev. = evangelisch. "2" ist die Zahl, die eine Lehrerin meistens in die rechte untere Ecke meiner Zeichnungen schrieb. 1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = befriedigend, 4 = ausreichend, 5 = mangelhaft, 6 = ungenügend. "4" war unsere Hausnummer an der Straße Am Bahndamm hinter der Hecke. "22" ist schon immer meine Lieblingszahl gewesen. Vom Tornister auf meinem Rücken hängt der Wischlappen für die Schreibtafel aus Schiefer. Das transparente Brotauto ist ein Symbol für die dicklich süße, hellbraune Suppe aus Brotresten, die meine Großmutter damals oft für uns kochte." (From: arsenal, dezember 10).

(1977) 

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Zeichnung (77) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Zum Einüben: die Silhouetten von zweiunddreißig Kampfflugzeugen auf einer Kenntafel für Jet-Piloten. Das Erkennen des Gegners und die daraus abgeleiteten Reaktionen müssen blitzartig und wie in Trance stattfinden, im Sinne tradierter Raubtiereigenschaften. Drei an Schläuchen angeschlossene, noch lebende Kaninchen warten derweil in schuhkartonartigen Kisten, deren Deckel man wie Halskrausen hinter ihren Köpfen verschlossen hat, auf die medizinischen Versuche, die man mit ihnen anstellen wird. Eine verordnete Passivität im Dienste der menschlichen Monokultur und ihrer Alleinstellungsmerkmale. Die traurigen Augen von Bonn: Ein Mann mit zentimeterlangen Hängewarzen an den Augenlidern und aufgerissenen Pupillen schaute 1987 vom Bahnsteig des dortigen Hauptbahnhofs in mein Zugabteil und direkt in meine noch gesunden Augen. Ich kam mir überrumpelt wie das Versuchskaninchen einer erkrankten Menschheit vor und beobachte seitdem argwöhnisch meine Augenlider. Wer will schon wissen, dass er ein gewalttätiges Tier ist, oder es gesagt bekommen." (Aus: Schwarze Blöcke, SchwarzHandPresse 2010).

(1988) 

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Zeichnung (369) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Permutationen und Abstrahlungen von einem Zentrum zum anderen: quantentheoretische Lebensweisen ohne vorherige oder nachträgliche Messungen. Eine Chimäre in der oberen Zimmerecke eines Universitätsbüros in der SUNY Binghamton („Babylon“), vor dunklem Vorhang, Nagelbrett und Neonröhren, 1975: innerhalb der Umrisse einer Stetson Melone die skizzierte Reise von Albuquerque nach Phoenix, Arizona. Eine Erscheinung im Wüstenstaub neben der Straße kurz vor El Centro: meine abgetragenen Schuhe ohne Schnürsenkel, negativ klein und positiv groß, zwischen riesigen Haufen abgerundeter Felsbrocken. Durch Entzug alles in Frage stellen. Ich schwitzte trotz der kalten Luft im Bus und versuchte zu schlafen. Bis jetzt hat noch jeder den ersten Stein geworfen, träumte ich. Was soll das, das Leben eines Rockstars führen ohne dessen Resourcen? Ich war blank, aber ich war jung und konnte noch auf den Strich gehen, in einem System grenzenlos freigesetzter Arbeitskräfte. Und so etwas nannte sich dann Utopie, jenseits der Leibeigenschaft." (Aus: arsenal, märz 18).

(1977)

 

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Zeichnung (369) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Permutationen und Abstrahlungen von einem Zentrum zum anderen: quantentheoretische Lebensweisen ohne vorherige oder nachträgliche Messungen. Eine Chimäre in der oberen Zimmerecke eines Universitätsbüros in der SUNY Binghamton („Babylon“), vor dunklem Vorhang, Nagelbrett und Neonröhren, 1975: innerhalb der Umrisse einer Stetson Melone die skizzierte Reise von Albuquerque nach Phoenix, Arizona. Eine Erscheinung im Wüstenstaub neben der Straße kurz vor El Centro: meine abgetragenen Schuhe ohne Schnürsenkel, negativ klein und positiv groß, zwischen riesigen Haufen abgerundeter Felsbrocken. Durch Entzug alles in Frage stellen. Ich schwitzte trotz der kalten Luft im Bus und versuchte zu schlafen. Bis jetzt hat noch jeder den ersten Stein geworfen, träumte ich. Was soll das, das Leben eines Rockstars führen ohne dessen Resourcen? Ich war blank, aber ich war jung und konnte noch auf den Strich gehen, in einem System grenzenlos freigesetzter Arbeitskräfte. Und so etwas nannte sich dann Utopie, jenseits der Leibeigenschaft." (Aus: arsenal, märz 18).

(1977) 

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Zeichnung (394) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Gewichte, die Füße am Boden halten. Die Linien ihrer Sohlen können gelesen werden wie die der Hände. Eine Kombinatorik von Quadraten, die an ihrer Komplexität scheitert. Was ist die Aufgabe der Künste im 21. Jahrhundert, fragt die Akademie der Künste. Kunst entspringt der Notwendigkeit, Sprachformen und Begriffe zu erweitern, experimentell zu erforschen und davon Zeugnis abzulegen. Sie hat dabei nicht auf Verständnis und Mitleid zu hoffen, geschweige denn solches vorauszusetzen oder darum zu betteln. Kunst sollte sich nicht als Sozialarbeit begreifen und damit die Berufe des Sozialarbeiters oder Gestalters diskreditieren. Das Wort Aufgabe könnte implizieren, daß Kunst aufgegeben werden soll, erhöbe sie denn ein unabhängiges Haupt. Kunst hat aber keine Aufgaben, noch sollten ihr solche von Kritikern und Kuratoren politisch zugewiesen werden, um deren Vollstreckung zu kontrollieren. Falls sich Künstler Aufgaben stellen oder annehmen, ist das ihre Privatsache. Der Begriff 21. Jahrhundert ist eine haltlose Disposition." (Aus: arsenal, februar 18).

(1977) 

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