Die Basis des Make-Up

Die Basis des Make-Up

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Zeichnung (198) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Großbaustelle einer Teilchenbeschleunigungsanlage tief unter der nordamerikanischen Wüstenerde, im Hintergrund Spuren von Protonen auf einem Bildträger. Verschmelzungsprozesse von Elementarteilchen sollen hier erforscht und ein Beweis für die Existenz von Antimaterie gefunden werden; eine unendliche Abfolge ungelesener Daten ist das Ergebnis. Ein Hohlraum der Heterosexualität mit seiner klar gegliederten Sexualsymbolik. Links am Bildrand zwei Ruderer im deutschen Weltmeisterschafts–Achter. Auf einem lupenförmigen Ruderblatt kehrt sich die Röntgenplatte mit den Protonenspuren ins Negativ. Unten rechts ein Riesenpenis aus Holz in einem Shinto-Tempel in Kyoto, Japan. Seine Eichel wird gerade von einer Angestellten oder einem Angestellten aufpoliert. Die politische Korrektheit überlieferter Kunstformen müsse dringend überprüft werden, fordert eine mental überforderte akademische Welt. Aber daß wir im Mittelalter leben, wissen wir doch. Man sollte eher Zeitkapseln versenken, mit herzlichen Grüßen an die Nachgeborenen." (Aus: arsenal, november 16)

(1994) 

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Zeichnung (490) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Fortsetzung des anonymen Briefes, Brooklyn 1975: "... The people of President Street are upset of your actions. The little children SEE what's going on in that room. Either you put something to cover your windows, or you get off the block and move. We are waiting 1 week. If you don't cover your windows, you'll hear from us again but next time not so friendly. Thank you for your cooperation." Eine gewisse Verstörung und Verunsicherung waren die Folge, und wir zogen in vorweggenommener Aktion zurück nach Manhattan. Rechts zwischen den Textzeilen des Briefes stellt eine auf dem Boden knieende Frau ein Warnschild in einem weißen Kreis auf. Auf der linken Seite ein Telefon-Doodle mit einem Frauenakt ohne Kopf, dem Portrait meiner Stirn und dem Kopf eines französischen Polizisten. Das vorsätzliche Bemühen, Häßlichkeit zu produzieren, gelang ohne große Anstrengungen und auch ohne die ideologischen Verrenkungen der albern deutsch „wild“ genannten Malerie der 80er Jahre. Tatsächlich kann ich überall Hakenkreuze erkennen." (Aus: arsenal, februar 17)

(1984) 

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Zeichnung (534) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Eine Frau mit bandagierter Nase erträumt sich nach einer Schönheitsoperation den nackten Oberkörper eines Mannes im Schilf eines Seeufers. Über seinen Rücken wandern Licht- und Schattenflecken, ein exemplarischer Frieden ohne Insekten und Invektiven. Doch von allen vier Seiten ragen Lotosblätter an Stengeln ins Bild, und der Mann hat Angst, sich beim Schwimmen in deren Wurzelgeflecht zu verheddern. Direkt unter der Wasseroberfläche wittert er die Spitzen eines undurchdringlichen Waldes. Dann jagt ihn die Vorstellung von Blutegeln und Schnappschildkröten, die sich in seinen Waden festbeißen, einen Schrecken ein. Er springt nackt aus dem Wasser und schreit Fuck nature! Ein Förster in Uniform beobachtet ihn dabei und schüttelt mit dem Kopf. Die Frau erwacht und ist froh, daß es noch zu keinem Kontakt gekommen ist. Sie will sich erst wieder in den sozialen Netzwerken zeigen, wenn ihre korrigierte Nase verheilt ist. Dann stünden ihr alle Möglichkeiten offen und jener Match-in-heaven, den ihr der Traum prophezeit hat." (Aus: arsenal, juni 17)

(2005) 

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Zeichnung (414) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Eine Frau mit bandagierter Nase erträumt sich nach einer Schönheitsoperation den nackten Oberkörper eines Mannes im Schilf eines Seeufers. Über seinen Rücken wandern Licht- und Schattenflecken, ein exemplarischer Frieden ohne Insekten und Invektiven. Doch von allen vier Seiten ragen Lotosblätter an Stengeln ins Bild, und der Mann hat Angst, sich beim Schwimmen in deren Wurzelgeflecht zu verheddern. Direkt unter der Wasseroberfläche wittert er die Spitzen eines undurchdringlichen Waldes. Dann jagt ihn die Vorstellung von Blutegeln und Schnappschildkröten, die sich in seinen Waden festbeißen, einen Schrecken ein. Er springt nackt aus dem Wasser und schreit Fuck nature! Ein Förster in Uniform beobachtet ihn dabei und schüttelt mit dem Kopf. Die Frau erwacht und ist froh, daß es noch zu keinem Kontakt gekommen ist. Sie will sich erst wieder in den sozialen Netzwerken zeigen, wenn ihre korrigierte Nase verheilt ist. Dann stünden ihr alle Möglichkeiten offen und jener Match-in-heaven, den ihr der Traum prophezeit hat." (Aus: arsenal, juni 17)

(2005) 

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Zeichnung (178) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Zwei Radfahrer, deren Silhouetten Schlagschatten auf eine ebene Straße werfen, von Silke Grossmann Ende der 70er Jahre in Amsterdam fotografiert. Ihr Profil ist rechts im Anschnitt zu sehen. Sie blickt in einen von Geschichte definierten Raum von unendlicher Tiefe und Höhe, in dem 1944 während der Invasion in der Normandie britische Fallschirmspringer vom Himmel herabschwebten. Viele der Soldaten wurden im Flug abgeschossen. Auf dem Gelände des jetzigen Flughafens Schipohl gab es zu jener Zeit Kleingärten, in deren Hütten der Schweizer Kunstfreund und Hotelier Hans Obrecht und der spätere Direktor des Stedelijk Museums, Willem Sandberg, jüdische Kinder versteckt hielten. Dreißig Jahre später malte Obrecht seiner kranken, ans Bett gefesselten Frau in ihrem Schlafzimmer im Hotel Amstelrust an der Amstel 252 eine Tür an die Zimmerdecke, weil sie beim Erwachen an der Vorstellung litt, in einem Raum ohne Ausgang eingesperrt zu sein. Die Kraft des Imaginären sollte den Realismus der Angst überwinden und tat es auch." Aus: arsenal, mai 17

(1977) 

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Zeichnung (53) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Zwei Radfahrer, deren Silhouetten Schlagschatten auf eine ebene Straße werfen, von Silke Grossmann Ende der 70er Jahre in Amsterdam fotografiert. Ihr Profil ist rechts im Anschnitt zu sehen. Sie blickt in einen von Geschichte definierten Raum von unendlicher Tiefe und Höhe, in dem 1944 während der Invasion in der Normandie britische Fallschirmspringer vom Himmel herabschwebten. Viele der Soldaten wurden im Flug abgeschossen. Auf dem Gelände des jetzigen Flughafens Schipohl gab es zu jener Zeit Kleingärten, in deren Hütten der Schweizer Kunstfreund und Hotelier Hans Obrecht und der spätere Direktor des Stedelijk Museums, Willem Sandberg, jüdische Kinder versteckt hielten. Dreißig Jahre später malte Obrecht seiner kranken, ans Bett gefesselten Frau in ihrem Schlafzimmer im Hotel Amstelrust an der Amstel 252 eine Tür an die Zimmerdecke, weil sie beim Erwachen an der Vorstellung litt, in einem Raum ohne Ausgang eingesperrt zu sein. Die Kraft des Imaginären sollte den Realismus der Angst überwinden und tat es auch." Aus: arsenal, mai 17

(1977) 

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Zeichnung (447) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Der zum Schlafsofa mutierte Kopf einer Giraffe überragt das in vier Teile zerlegte Portrait einer Frau. Nachdenklich betrachtet sie eine elektrisch betriebene Hand, die vor einer Rasierklinge ein Glas serviert. Darüber ein Stab mit zwei weiteren Plastikhänden an den Enden und ein umgekehrt auf einen Stiel aufgesetzter Besen, der ins Bild ragt. Die Frau denkt, Das alles sind Bedeutungsperspektiven, deren Sinn ich nicht erkenne, obwohl er offen vor mir liegt. In vier Teile zerlegt könnte ich vielleicht alles besser verstehen. Zuerst einmal sollte ich schlafen und keine Reue mehr empfinden. Sie döst ein und genießt einen Anfall von Schuldlosigkeit. Nach dem Aufwachen setzt sie ihre Teile wieder zusammen und beschließt, ihre Arbeit von Anderen machen zu lassen. Ein selbstfahrendes Auto läßt sie zuvorkommend die Straße überqueren. Sie bedankt sich mit einem Kopfnicken, das in eine Zentrale übertragen wird. Sind die Leute heute wieder freundlich, denkt ein Beamter. April April, ruft die Frau in die versteckte Kamera." Aus: arsenal, april 17

(1993) 

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Zeichnung (556) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Der zum Schlafsofa mutierte Kopf einer Giraffe überragt das in vier Teile zerlegte Portrait einer Frau. Nachdenklich betrachtet sie eine elektrisch betriebene Hand, die vor einer Rasierklinge ein Glas serviert. Darüber ein Stab mit zwei weiteren Plastikhänden an den Enden und ein umgekehrt auf einen Stiel aufgesetzter Besen, der ins Bild ragt. Die Frau denkt, Das alles sind Bedeutungsperspektiven, deren Sinn ich nicht erkenne, obwohl er offen vor mir liegt. In vier Teile zerlegt könnte ich vielleicht alles besser verstehen. Zuerst einmal sollte ich schlafen und keine Reue mehr empfinden. Sie döst ein und genießt einen Anfall von Schuldlosigkeit. Nach dem Aufwachen setzt sie ihre Teile wieder zusammen und beschließt, ihre Arbeit von Anderen machen zu lassen. Ein selbstfahrendes Auto läßt sie zuvorkommend die Straße überqueren. Sie bedankt sich mit einem Kopfnicken, das in eine Zentrale übertragen wird. Sind die Leute heute wieder freundlich, denkt ein Beamter. April April, ruft die Frau in die versteckte Kamera." Aus: arsenal, april 17

(1993) 

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Zeichnung (349) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Zwei Hubschrauber setzen Soldaten im ersten Golfkrieg nahe der in Brand gesetzten kuwaitischen Ölquellen ab. In den Rauchwolken schwebt ein Paar handgearbeiteter englischer Herrenschuhe zu Boden, positiv und negativ. Die Szenerie geht in einen Raum der Barnes Collection in Philadelphia über, in dem dutzende Gemälde von Pierre-Auguste Renoir in Petersburger Hängung ausgestellt waren. Nebenbei gefragt: Haben die neuerbauten Museen für Moderne Kunst in den Golfstaaten schon eröffnet oder haben sie schon wieder dichtgemacht? Sind ihre westlichen Direktoren immer noch dankbar für die Over-the-Top-Architekturen ihrer Gebäude? Und gibt es noch Künstler, die stolz darauf sind, dort ausgestellt zu werden oder sind sie alle schon tot? Allgemein verbreiteter Schrecken in der Gegenwartskunst: Der Erkenntniswert der mit Hilfe von verquer moralinen Ablaßzahlungen erworbenen Exponate verflüchtigt sich rapide. Das könnte in Relation zu ihrem Geldwert gesetzt werden, lautet das Menetekel an der Wand. Die Abrißbirne wartet schon." (Aus: arsenal, märz 17).

(1994) 

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Zeichnung (329) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Zwei Hubschrauber setzen Soldaten im ersten Golfkrieg nahe der in Brand gesetzten kuwaitischen Ölquellen ab. In den Rauchwolken schwebt ein Paar handgearbeiteter englischer Herrenschuhe zu Boden, positiv und negativ. Die Szenerie geht in einen Raum der Barnes Collection in Philadelphia über, in dem dutzende Gemälde von Pierre-Auguste Renoir in Petersburger Hängung ausgestellt waren. Nebenbei gefragt: Haben die neuerbauten Museen für Moderne Kunst in den Golfstaaten schon eröffnet oder haben sie schon wieder dichtgemacht? Sind ihre westlichen Direktoren immer noch dankbar für die Over-the-Top-Architekturen ihrer Gebäude? Und gibt es noch Künstler, die stolz darauf sind, dort ausgestellt zu werden oder sind sie alle schon tot? Allgemein verbreiteter Schrecken in der Gegenwartskunst: Der Erkenntniswert der mit Hilfe von verquer moralinen Ablaßzahlungen erworbenen Exponate verflüchtigt sich rapide. Das könnte in Relation zu ihrem Geldwert gesetzt werden, lautet das Menetekel an der Wand. Die Abrißbirne wartet schon." (Aus: arsenal, märz 17).

(1994) 

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