Die Basis des Make-Up

Die Basis des Make-Up

Image: 

Zeichnung (284) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Eine Einheit russischer Ingenieure auf Kuba auf dem Marsch zur Baustelle einer Raketenabschußanlage, kurz vor der Kuba-Krise im Oktober 1962. Links und rechts eingerahmt von zwei Hälften des Röntgenbildes eines menschlichen Körpers, der von fallenden Tetris–Formationen zerfetzt wird. Aus dem Himmel hängt eine abgerissene Nabelschnur auf das Floß eines vor der Küste Somalias ausgesetzten blinden Passagiers. Die Erinnerung an die Opfer der argentinischen Militärdiktatoren in den 70er und 80er Jahren, die ihre Gegner in Flugzeuge verfrachteten und lebend aus großer Höhe über dem Meer abwerfen ließen. Den Rahmen dieser im Zentrum leeren Zeichnung bildet die Macht, die von der Peripherie her zu spüren ist. Sie vertraut auf ihre implosive Ausstrahlung, vertritt nichts mehr und wirbt als angerichtetes Nichts um Anerkennung. Der argentinische General Menendez nennt vorweg die Zahlen: 'Wir werden 50.000 Menschen töten müssen: 25.000 Subversive, 20.000 Sympathisanten, und wir werden 5.000 Fehler machen.'" (Aus: arsenal, november 14)

(1994) 

Image: 

Zeichnung (598) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Im Kreissegment am unteren Bildrand das Bild einer Menschenmasse am 1. August 1914, dem Tag nach der Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg, auf dem Münchner Odeonsplatz - nach einer Fotografie von Heinrich Hoffmann, dem späteren Leibfotografen Adolf Hitlers. In der oberen, rechten Ecke die Vergrößerung des Ausschnitts daraus, auf dem Hoffmann 1931 den jubelnden Adolf Hitler entdeckte, den er 1914 noch nicht kannte. Von links unten nach rechts oben ein ausgekugeltes menschliches Gelenk. Von rechts unten nach rechts oben Spuren menschlicher Schritte. Es sind die einer Einheit französischer Fremdenlegionäre, die sich mit denen von Gary Cooper und Marlene Dietrich mischen - auf einer "Wanderdüne in der Sahara" in den Paramount Studios in Hollywood, 1930, bei den Dreharbeiten zu Morocco von Josef von Sternberg. In der Mitte eines Stadions am Boden hockend ein besiegter Fußballspieler, der sich sein Trikot über den Kopf gezogen und mit dieser Geste Melancholie als Höchstform männlicher Sexualität kongenial umgesetzt hat." (Aus: arsenal, dezember 11).

(1994) 

"Tel Aviv, 21. Februar 1999. Post Leonardos Tränen, für Leonardo Nascimento de Araujo in Second Nature – Die zweite Natur. Im Sommer 1998 weinte sich der Barasilianer Leonardo nach dem verlorenen WM-Finale in unsere Herzen. Ein besiegter Spieler, der sich das Hemd über den Kopf zieht und mit dieser Geste Melancholie als Höchstform männlicher Sexualität kongenial umsetzt. Dazu Spuren in der Wüste...

Image: 

Zeichnung (589) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Pacific Palisades (PP) in Los Angeles, 1998. Der Stamm eines Eukalyptusbaumes im Garten der Feuchtwanger Villa am Paseo Miramar, gekreuzt vom dunklen Verlauf eines ausgetrockneten Flußbettes in Utah, auf dem Rückflug von Chicago fotografiert. Dazu der untere Teil des Sunset Boulevards bis zum Pacific Coast Highway an der Bucht von Santa Monica. Die Kreuzungen zu den anderen Highways sind als Kästchen markiert. Zwei Augen- und Zahnpartien mit Gemütslinien (b = before) vor und (a = after) nach entsprechenden Schönheitsoperationen. Ein befreundeter Schauspieler kommt auf seinem Motorrad vorbei. Morgen geht es zu einer Bibelverfilmung nach Afrika. Wen oder was er da spielen wird? "Keine Ahnung, aber: Italienische Produktion + Drehort Marokko = Null Steuern." Beruhigend dieser Realismus. In den undurchdringlichen Wäldern auf den Hügeln gibt es Berglöwen, auf ihren Pfaden die Ästhetik des Scheiterns. Das System hat ausgespielt, ist aber zu groß zum Scheitern und verlegt sich auf Drohgebärden. Gähnende Langeweile." (Aus: arsenal, oktober 11).

(1999)

Image: 

Zeichnung (525) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Chicago, 2. April 1998. Selbstportrait als alter Mann im Bad des The Claridge–Hotels auf der letzten Station der diesjährigen USA–Tournee. Mein nackter Vater blickt mir aus meinem Spiegelbild entgegen. Die Dias der Show sind am Abend zuvor im Projektor des Art Instituts verbrannt – wie am 16. Februar 1982 die erste Einstellung des Films Normalsatz auf seiner Premiere im Berliner Delphi Filmpalast. Unter dem am Monroe Drive wieder aufgestellten romanischen Torbogen von Louis H. Sullivan, dem letzten Rest seines 1972 abgerissenen Chicago Stock Exchange Buildings von 1894, vor Erschöpfung zusammengebrochen. Im Mai 2002 haben wir diese Ruine dann von einem Dolly aus für Miscellanea III gefilmt. Oben und unten das Positiv und das Negativ eines 1975 von der Wand eines Lagerschuppens im Hamburger Hafen verzerrt abgezeichneten Symbols einer Leiter. In der Mitte ein Stück Original–Grenzzaun, der in einem Ossie–Park wieder aufgestellt werden soll, irgendwo in Gesamtdeutschland. Changing of the Guards ist dringend angesagt." (Aus: arsenal, februar 15).

(1999)

Image: 

Zeichnung (345) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Eine improvisierte Wahlkabine in British Columbia mit einer Frau und einem Kind, das beim Wählen zuschauen darf. Beide in Sonntagskleidern, Do not enter when wet. Oder eine Frau, die mit dem Kopf in einer schwarzen Wolke schwebt, in die sie ihre Tochter einbezieht. Oder einfach Denial - Verdrängung der Möglichkeit, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen werden könnte. Die vaterlose Kleinfamilie steht auf dem schwankenden Boden einer Auslegeware, die sich von einer steifen Rolle abwickelt. Überleben geht vor Hokusai: ein wall-to-wall carpet, der ein aufgewühltes Meer zu glätten in der Lage zu sein scheint und als Wirtschaftsgesetz von Kontinent zu Kontinent quer über den Pazifischen Ozean reicht. Dazu das Zusammenspiel einer Hand mit dem Kopf eines Katers, der gestreichelt werden möchte; und zwar genau dort, wo er selbst mit der Zunge und den Pfoten nicht hinkommt. Eine x-beliebige, häusliche Szene also, unter der Schirmherrschaft der Demokratie. Doch hat das Kind gepetzt, dass die Mutter nicht gewählt hat, sondern nur gewürfelt." (Aus: arsenal, januar 14).

(1996) 

Image: 

Zeichnung (465) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Frühjahr 1978: Die Umrisse der damaligen Bundesrepublik Deutschland seitenverkehrt projiziert in die Zimmerecke eines Büros der von Larry Gottheim gegründeten Filmabteilung der State University of New York (SUNY) in Binghamton. Ich zeichne 'Berlin' als Spirale in den Sand, Klaus Wyborny liest aus The Ideal, Ecstasy and Beauty. Die Kulisse hinter seinem Kopf hat die Form einer Sanddüne in Holland. Am Haken des Garderobenständers hängen unsere Wintermäntel. Die Neonröhren sind mit schwarzem Durchschlagspapier umwickelt. Mein Gefühl zum Illusionszusammenhang BRD, später nur noch als virtual reality zu begreifen, war Nagelbrett gleich Asche, Sand, Glas und Regen und wurde gebildet aus Regel, Ende, SA, Asch und Asen. Die Relativität der Umrißformen unserer Staaten steht nicht in Frage, im Gegensatz zu der ihrer Taten. Ich experimentierte mit Weichenstellungen in meiner Körperzeit zu jedem gegebenen Zeitpunkt und fühlte mich im Vollbesitz des Bewusstseins aller möglichen parallelen Universen - bis mich mein zynischer Körper wieder einholte." (Aus: Zeichnung oder Film, 2013).

(1978) 

Image: 

Zeichnung (387) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Frühjahr 1978: Die Umrisse der damaligen Bundesrepublik Deutschland seitenverkehrt projiziert in die Zimmerecke eines Büros der von Larry Gottheim gegründeten Filmabteilung der State University of New York (SUNY) in Binghamton. Ich zeichne 'Berlin' als Spirale in den Sand, Klaus Wyborny liest aus The Ideal, Ecstasy and Beauty. Die Kulisse hinter seinem Kopf hat die Form einer Sanddüne in Holland. Am Haken des Garderobenständers hängen unsere Wintermäntel. Die Neonröhren sind mit schwarzem Durchschlagspapier umwickelt. Mein Gefühl zum Illusionszusammenhang BRD, später nur noch als virtual reality zu begreifen, war Nagelbrett gleich Asche, Sand, Glas und Regen und wurde gebildet aus Regel, Ende, SA, Asch und Asen. Die Relativität der Umrißformen unserer Staaten steht nicht in Frage, im Gegensatz zu der ihrer Taten. Ich experimentierte mit Weichenstellungen in meiner Körperzeit zu jedem gegebenen Zeitpunkt und fühlte mich im Vollbesitz des Bewusstseins aller möglichen parallelen Universen - bis mich mein zynischer Körper wieder einholte." (Aus: Zeichnung oder Film, 2013).

(1978) 

Image: 

Zeichnung (557) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Eine motorisierte Servierhand transportiert ein Glas vor einer angefrästen Rasierklinge aus Edelstahl. Eine Giraffe mit verbundenem Hals blickt aus einem 1975 geschriebenen Brief hervor, ein historisch belegtes Gestammel: "This was run ... and that was ... seen so ... Together they form ... and no room for ... by.“ Ich kann nicht behaupten, daß ich damals an Prozessen und Dialogen interessiert war, eher an Zuständen und Statements. Dieses Desinteresse, das man mit Frieda Grafe auch „Perversion“ nennen könnte, hat sich notgedrungen lange fortgesetzt. Meine Filme verharrten auf Punkten, von denen aus Sehstrahlen den Raum erfaßten. Die Bewegung soll im Kopf stattfinden, aber nicht repräsentiert werden. Das Gerede von einer „bewegten Kamera“ läßt den Dingen keine Zeit. Auf deren Eigenzeit aber muß bestanden werden, will man der Wirklichkeit, oder was man dafür hält, verpflichtet bleiben. Ganz zu schweigen von Geschichten und Prozessen, die keinen Anfang und kein Ende haben und deshalb nicht erzählt werden können." (Aus: arsenal, mai 16).

(1993) 

Image: 

Zeichnung (590) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Gaschurn, 9. September 1995, Welturaufführung des Films Schlafes Bruder auf dem Schulplatz. Alle Darsteller sind noch einmal zum größten Open-Air-Dolby-Stereo-Freilichtspiel aller Zeiten zusammengeholt worden. Es regnet. Eine Gala-Reporterin behauptet steif und fest, sie kenne mich vom „Germanistikstudium“ – wie, was, wo das denn? Im Hotel zeigt ein Schauspielerkollege mir den „chute“, einen Joint, den man mit der Glutseite im geschlossenen Mund raucht. Wir lachen uns krank über mein Telefon-Doodle, einer Skizze des Creators, zu Michael Jacksons Poem The Dance aus dem Beiheft seiner Dangerous-CD: „This world we live in is the dance of the creator ... I keep on dancing ... and dancing ... and dancing, until there is only ... The Dance.“ Klingt wie Art In Ruins, 1993. Im Hintergrund die Minen von Fahlun, mit Transportkörben und einer Landschaft mit Menschen auf einer Sitzbank. Ich dachte, bald habe ich alle Landschaften in meinem Gehirn gespeichert und brauche mich nicht mehr zu bewegen. Die Zeit tat ihr Übriges." (Aus: arsenal, september 16).

(1999) 

Image: 

Zeichnung (590) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Gaschurn, 9. September 1995, Welturaufführung des Films Schlafes Bruder auf dem Schulplatz. Alle Darsteller sind noch einmal zum größten Open-Air-Dolby-Stereo-Freilichtspiel aller Zeiten zusammengeholt worden. Es regnet. Eine Gala-Reporterin behauptet steif und fest, sie kenne mich vom „Germanistikstudium“ – wie, was, wo das denn? Im Hotel zeigt ein Schauspielerkollege mir den „chute“, einen Joint, den man mit der Glutseite im geschlossenen Mund raucht. Wir lachen uns krank über mein Telefon-Doodle, einer Skizze des Creators, zu Michael Jacksons Poem The Dance aus dem Beiheft seiner Dangerous-CD: „This world we live in is the dance of the creator ... I keep on dancing ... and dancing ... and dancing, until there is only ... The Dance.“ Klingt wie Art In Ruins, 1993. Im Hintergrund die Minen von Fahlun, mit Transportkörben und einer Landschaft mit Menschen auf einer Sitzbank. Ich dachte, bald habe ich alle Landschaften in meinem Gehirn gespeichert und brauche mich nicht mehr zu bewegen. Die Zeit tat ihr Übriges." (Aus: arsenal, september 16).

(1999) 

Seiten

RSS - Die Basis des Make-Up abonnieren