Die Basis des Make-Up

Die Basis des Make-Up

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Zeichnung (150) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Dial NERVOUS for the time. Mit angespitzten Bleistiften die Buchstabenwählscheibe eines schwarzen Telefons bedienen, obwohl der schwere Hörer noch aufliegt. Ein Blick aus dem vorderen Raum unseres Railroad-Apartments auf die nächtliche President Street in Brooklyn im Winter 1975. Von links unten ragt ein Nordlicht ins Bild, das den Telefonapparat abschirmt. Der Vermieter hatte uns einen mannshohen Kühlschrank zur Verfügung gestellt, um die Kücheneinrichtung zu vervollständigen. Vor unserer Haustür war der Schrank beim Transport zu Boden gefallen. Dabei hatte sich seine Tür weit geöffnet, und Horden von Kakerlaken entströmten seinem Inneren. Weithin sichtbar liefen sie über den Schnee und verschwanden in irgendwelchen Ritzen. Nicht nur deshalb verabscheuten uns die Nachbarn mit puertoricanischer und italienischer Abstammung. Wir wohnten direkt auf der Trennlinie zwischen ihnen, eine weitere Ethnie war nicht erwünscht. Ein anonymer Brief, der kurz darauf in unserem Briefkasten befand, begann so: 'Dear Sirs ...'". (Aus: arsenal, januar 17).

(1984) 

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Zeichnung (151) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Fortsetzung des anonymen Briefes, Brooklyn 1975: '... The people of President Street are upset of your actions. The little children SEE what's going on in that room. Either you put something to cover your windows, or you get off the block and move. We are waiting 1 week. If you don't cover your windows, you'll hear from us again but next time not so friendly. Thank you for your cooperation.' Eine gewisse Verstörung und Verunsicherung waren die Folge, und wir zogen in vorweggenommener Aktion zurück nach Manhattan. Rechts zwischen den Textzeilen des Briefes stellt eine auf dem Boden knieende Frau ein Warnschild in einem weißen Kreis auf. Auf der linken Seite ein Telefon-Doodle mit einem Frauenakt ohne Kopf, dem Portrait meiner Stirn und dem Kopf eines französischen Polizisten. Das vorsätzliche Bemühen, Häßlichkeit zu produzieren, gelang ohne große Anstrengungen und auch ohne die ideologischen Verrenkungen der albern deutsch „wild“ genannten Malerie der 80er Jahre. Tatsächlich kann ich überall Hakenkreuze erkennen." (Aus: arsenal, februar 17).

(1984) 

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Zeichnung (391) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Chinesische Landschaft, 1971, eine häusliche Szene, durch ein Fisheye gesehen. In memoriam an die Mode, Wasserleitungsrohre rot und blau anzustreichen, um deren „Funktionalität zu betonen“. Bude der Welt, Massenchöre, dem Ruf der Trommel folgend: Modernität. Aus den Öffnungen und Ritzen einer perfekten Küche wachsen bananenförmige Dildos – oder sind es Mondsicheln? Eine Frau putzt, kocht und spült sie ab, ein Kind hält ein Exemplar davon ratlos vor sich in der linken Hand und schaut ins Nichts. Eine Haushaltsrolle wartet auf ihren Einsatz. Auf den Holzdielen foltern Ureinwohner ihresgleichen mit Analdehnungen. Alle Gewalttätigkeiten vergangener Jahrhunderte erscheinen wie neu erdacht. Versprochen ist versprochen: Hinter den Schwarzen Löchern des Universums lauern eschatologische Paradiese. Die Menschen sollten, auch um Außerirdische nicht mit unserem Körperbau zu erschrecken, in wahhabitischer Manier nur noch verschleiert herumlaufen. Die dem Universum unterstellte Balance ist lediglich eine Momentaufnahme." (Aus: arsenal, dezember 16)

(1977) 

Titelblatt von "The Chinese Landscape", Raw MailBook Nr. 8, NYC 1979. 

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Zeichnung (299) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Großbaustelle einer Teilchenbeschleunigungsanlage tief unter der nordamerikanischen Wüstenerde, im Hintergrund Spuren von Protonen auf einem Bildträger. Verschmelzungsprozesse von Elementarteilchen sollen hier erforscht und ein Beweis für die Existenz von Antimaterie gefunden werden; eine unendliche Abfolge ungelesener Daten ist das Ergebnis. Ein Hohlraum der Heterosexualität mit seiner klar gegliederten Sexualsymbolik. Links am Bildrand zwei Ruderer im deutschen Weltmeisterschafts–Achter. Auf einem lupenförmigen Ruderblatt kehrt sich die Röntgenplatte mit den Protonenspuren ins Negativ. Unten rechts ein Riesenpenis aus Holz in einem Shinto-Tempel in Kyoto, Japan. Seine Eichel wird gerade von einer Angestellten oder einem Angestellten aufpoliert. Die politische Korrektheit überlieferter Kunstformen müsse dringend überprüft werden, fordert eine mental überforderte akademische Welt. Aber daß wir im Mittelalter leben, wissen wir doch. Man sollte eher Zeitkapseln versenken, mit herzlichen Grüßen an die Nachgeborenen." (Aus: arsenal, november 16).

(1994) 

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Zeichnung (21) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Woher kommst du, wohin gehst du? Die Weser bei Horstedt in Niedersachsen, auf der ein Porzellanservice auf dem Weg zur Nordsee dahingleitet. Im Sumpf hinter dem Deich auf der anderen Seite des Flusses das Haus meines Großonkels. Vorn ein Anlegeplatz mit Glocke zum Rufen des Fährmannes, der dann herübergerudert kam und uns abholte. Während der Überfahrt mußten wir eindringendes Wasser aus dem undichten Bootsrumpf schöpfen. Keiner konnte schwimmen. Ich höre noch unsere „Hallos“ in mir, wie die aus Vampyr von Dreyer. Das war auch die Stelle, an der ich meine selbstgebaute Holzkiste zu Wasser lassen wollte, um mich darin den Fluß hinunter, um Europa herum und dann im Atlantik an der afrikanischen Küste entlang bis zum Kamerun treiben zu lassen. Von dort aus würde ich dann zu Fuß in die Sahara gehen. Kamerun, so hießen auch die Dünenberge nahe unseres Hauses, die in den 50er Jahren für den Wiederaufbau von Bremen abgetragen wurden. Die Namensgebung ein weiterer Ausdruck wilhelminischen Schwachsinns, der alles durchdrang." (Aus: arsenal, oktober 16).

(1984) 

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Zeichnung (287) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Götter liebten Prometheus ob seiner Weisheit. Doch der zweifelte an ihrer Allwissenheit und testete Jupiters praktische Intelligenz zu dessen Ungunsten. Dann fuhr er fort, Menschen auszubilden, und beseelte sie mit dem Feuer, das er aus dem Himmel gestohlen hatte. Jupiter ließ ihn aus Rache an den Kaukasus ketten und ihm von seinem Adler täglich die Leber wegfressen, die in den Nächten wieder nachwuchs. Eine Folter, die dreißig Jahre anhielt. Der gefesselte Prometheus ist der Titel einer Skulptur von Reinhold Begas, mit der sich das großkotzige Berlin um 1900 schmückte. Man kam sich vor wie die Krone der Schöpfung, aber eben gefesselt. Die Seele des Prometheus trennt sich in einen schwarzen Schmetterling und eine schwarze Leber auf. Der Adler, der diese Teilung vornimmt, sitzt auf dem rechten Zweig eines Y. Zwei L (= Learner) kennzeichnen die Ecken eines internen Bildrahmens. Darin kollidiert der Blick des Prometheus mit dem eines Geiers in einem hingehaltenen Eisblock. Von links naht die Kugel, mit der Herkules den Vogel erschoß." (Aus: arsenal, januar 11).

(1996)

Die Zeichnung findet sich auch auf Seite 115 des Buches Spiegelungen – Philosophisch-ästhetische Studien zur Geschichte des Bildes von Maragretha Huber, Frankfurt 1984.

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Zeichnung (281) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"FRI - Freitag, der 24. Januar 1975, in Brooklyn, im Narkoseschlaf nach einer Augenoperation. Die unbeschriebenen Blätter eines Generationenvertrages als fragile Architektur skizziert auf dem Briefpapier einer Whereabout (Incorporated), die vor mir in den Räumen hauste. Jemand will etwas MIT MIT an einen anderen weiterreichen. Statt eines Turmes gleich zwei Türme, ein umgedrehter und dann übererfüllter Morgenthau-Plan. Zwischen den Papierseiten das gebrochene Auge eines Kaninchens als Mittler und als graue Wolke. Monopolkapitalismus nach dem tendenziellen Fall der Profitrate, keine Ungleichzeitigkeiten mehr und weltweit keine Verstecke, aus denen heraus man das Treiben beobachten kann. Aber soweit sind wir noch nicht, noch gibt es Feinschmecker. Der Beschuß eines Einfamilienhauses durch einen Kampfjet, dem die Rückkehr auf seinen Träger unmöglich gemacht worden ist. Ein beschädigtes Flughafengebäude, ein stählerner Sendemast irgendwo in einem staubigen Teil Afrikas. Das Gegenteil eines klaren Gedankens, aber Landwirtschaft ist keine Option." (Aus: Schwarze Blöcke, SchwarzHandPresse 2010).

(1988) 

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Zeichnung (284) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Eine Einheit russischer Ingenieure auf Kuba auf dem Marsch zur Baustelle einer Raketenabschußanlage, kurz vor der Kuba-Krise im Oktober 1962. Links und rechts eingerahmt von zwei Hälften des Röntgenbildes eines menschlichen Körpers, der von fallenden Tetris–Formationen zerfetzt wird. Aus dem Himmel hängt eine abgerissene Nabelschnur auf das Floß eines vor der Küste Somalias ausgesetzten blinden Passagiers. Die Erinnerung an die Opfer der argentinischen Militärdiktatoren in den 70er und 80er Jahren, die ihre Gegner in Flugzeuge verfrachteten und lebend aus großer Höhe über dem Meer abwerfen ließen. Den Rahmen dieser im Zentrum leeren Zeichnung bildet die Macht, die von der Peripherie her zu spüren ist. Sie vertraut auf ihre implosive Ausstrahlung, vertritt nichts mehr und wirbt als angerichtetes Nichts um Anerkennung. Der argentinische General Menendez nennt vorweg die Zahlen: 'Wir werden 50.000 Menschen töten müssen: 25.000 Subversive, 20.000 Sympathisanten, und wir werden 5.000 Fehler machen.'" (Aus: arsenal, november 14)

(1994) 

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