Zeichnung (339) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein schwerer Himmel, apokalyptische Zeitenwenden in immer schnelleren Abfolgen. Ein Schlachtfeld auf der Halbinsel Kertsch, im Südosten der Krim, mit über 176.000 von Deutschen getöteten Soldaten und Zivilisten. Der sowjetische Fotograf Dmitri Baltermants fotografierte dort 1942 die Silhouetten von Menschen auf der Suche nach den sterblichen Überresten ihrer Angehörigen. Rechts ein Astronaut als Cherub bei Außenarbeiten an einer Raumstation. Er kratzt vergeblich am Zeitgefängnis. Darüber reicht der stark vergrößerte Ausleger eines unsterblichen Pilzgewächses mit hochgiftigen Sporen wie eine Sonde ins Bild, die alles Leben aufsaugt. Links unten das Selbstbildnis von Urs Graf als ausschreitender Landsknecht - eine Karikatur aus dem Jahr 1519 am und vom äußersten Rand der Wahrnehmung. Ein Vogel ist im Begriff, sich auf seinen Kopf zu stürzen wie auf den von Tippi Hedren in Die Vögel. Lebenshilfe der Medialen: Stellen Sie Ihr Fernsehgerät permanent auf den Modus Schwarzweiß ein, schon ist alles Instant Vergangenheit." (Aus: arsenal, juni 12).

(2007) 

Zeichnung (340) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein in ein Quadrat integriertes, graues Schamquadrat als diffuses Zentrum: Hier bin ich gewesen, aber ich erinnere mich nicht genau. Eine Pinienallee in Cap Martin an der Côte d'Azur, noch gab es Sandwege und Telegraphenmasten, und wir fuhren mit Schrottautos quer durch Europa und wurden nicht gestoppt. Demon gewann 1977 den Spezialpreis der Jury des Filmfestivals in Hyérès. Wir badeten derweil in einem Abwasserkanal und erfuhren erst ein halbes Jahr später davon. Das vermerkte Geld wurde nie überwiesen. Drei Turmspitzen von Antoni Gaudís La Sagrada Familia in Barcelona ragen ins Bild als Vorzeichen zukünftiger Filme. Im Zentrum die Silhouette einer dritten Spitze und darauf die negative Silhouette eines 2001 vom Nordturm des New Yorker World Trade Centers springenden Menschen. Zur falschen Zeit am rechten Ort oder zur rechten Zeit am falschen Ort sein. Der Zusammenfall von Ort und Zeit im Tod, eine nicht mehr zu leugnende Identität. Das vorübergehende Glück, danebenzuliegen, aber dann keine Zeit mehr haben, seine Haltung zu korrigieren." (Aus: Zeichnung oder Film, 2013).

(2007) 

Zeichnung (341) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein durch dicke, weiße Strichlinien markiertes Quadrat im Quadrat als Hinweis auf eine 'naturhafte Triebsubstanz' - the Id. In einem Fokus zu implodieren ist der Transformationsakt des Es. Dieses Ereignis Rahmensprengung zu nennen, wäre ein Euphemismus. Es geht um innere Erledigung, unbewusste Verdauung. Prozesse des unsichtbar in der Dichte der Materie Vergrabenen - Holzkohlezubereitung nach einer Geheimrezeptur. Ein Köhler, dessen Berufsbezeichnung mir den Nachnamen gab, steht auf einer Waldlichtung an der Weser auf einem von vier Meilern und beob-achtet die Verteilung der Rauchwolken im inneren Quadrat. Qualitätssprünge durch aktive Verdichtung und Verfinsterung von Materie. An der Peripherie des Blicks ein schwarzes, fensterloses Flugzeug ohne Kennzeichen im Tiefflug außerhalb des Radars über dem Wald, der schwarz dasteht und schweigt. Eine experimentell verbrämte Vergangenheit, die so naiv wie verschlagen den Tod weiterreicht. Eine abgebrüht ausgekochte Zukunft, die konsequenzlogisch nur noch töten kann." (Aus: The End, Disko 22, 2011).

(2007) 

Zeichnung (342) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"T - Das Tor zur Hölle. Das qualmende Einschlagloch der Boeing 767 der American Airlines, Flug 011, im Nordturm des World Trade Centers in NYC am 11. September 2001. Aus der Sicht meines ehemaligen Büros an der Hudson Street. Sitzende Gefangene des ersten Golfkrieges bilden auf der Umrisslinie eines virtuellen Quadrates einen Rahmen im Rahmen. Ich denke nicht, dass damit ein zwangsläufiger Zusammenhang hergestellt worden ist, eher ein hinreichender. Auf der unteren Bildkante gehen Gefangene von einer Wüste zur anderen. In welcher Wüste auch immer. Alle Konfigurationen der Dinge liegen in ihrem Sand in den möglichen Kombinationen seiner Körner begraben, bis sie gefunden und aufgegossen werden. Der Sand ist Die Wiese der Sachen. Dazu vier Ansichten des Oktaeders aus Dürers Melencolia I, einem Potpourri begrenzter Möglichkeiten: das Leben in einem verfaulten Topf zwischen abhanden gekommenen Zeitsystemen. Weltuntergangsphantasien, assoziativer Schwachsinn, religiöser Wahn, Verschwörungstheorien - alles reif für ein Betonfaß auf dem Grund des East Rivers." (Aus: The End, Disko 22, 2011).

(2007) 

Zeichnung (343) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"P - einen Punkt machen. Treppenstufen und ein in die rosanen, wirbelförmigen Felsschichten geschlagener, reliefverzierter Torbogen als Zugang zu einem vorchristlichen, nabatäischen Felsengrab in Petra, Jordanien. In der Höhle eine am Boden sitzende Gruppe von irakischen Gefangenen aus dem ersten Golfkrieg als Chimäre. Über ihnen der in den Felsen gebrannte negative Schatten eines startenden Passagierflugzeuges. Rechts die Silhouetten von fünf Menschen, die am 11. September 2001 in Manhattan aus den brennenden Trümmern ihrer Büroetagen vom Nordturm des World Trade Centers in den Tod sprangen. Da stand die Büste von Jean d'Aire aus Auguste Rodins Skulpturengruppe Die Bürger von Calais noch auf ihrem Kalksteinsockel in der Lobby der Investmentbank Cantor Fitzgerald im 105. Stockwerk, zusammen mit einer Bronze von Der Denker. Minuten später stürzte sie zusammen mit 658 Angestellten der Bank in den Abgrund. Jean d'Aire wurde bis zur Unkenntlichkeit verformt auf einer Schrotthalde in New Jersey wiedergefunden. Der Denker gilt als verloren." (Aus: The End, Disko 22, 2011). 

(2007) 

Zeichnung (344) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Der Bug eines Totenschiffes im Indischem Ozean mit zwei Riesentränen aus Murano-Glas an einem Balancierstab. Ein klarer Horizont, das Meer ist leicht bewegt. Vor der Schattenseite des Schiffes die Silhouetten dreier Fallschirmspringer kurz vor ihrem Aufschlag auf der gekräuselten Wasseroberfläche. Sie haben nicht rechtzeitig an ihren Reißleinen gezogen. Aus der Ferne nähert sich in Überschallgeschwindigkeit ein amerikanischer Stealth-Bomber. Eine Holzkonstruktion, an die eine Riesenkrake genagelt werden soll, ist als 'Kreuz' auf einem Felsen errichtet worden. Ein kleiner Junge in kurzen Hosen nuckelt traumverloren an der Bordüre eines Teppichs, mit dem er sich einzuhüllen versucht. Ein Traum ohne Schwerkraft, Tote, Folter, Tränen und Religionen. Noch ist nichts geschehen, und es herrscht eine Stille wie die zwischen dem Abwurf und dem Einschlag einer Bombe. Eine alternative Gegenwart steht unmittelbar bevor. Es bleibt fraglich, in welches Bewusstsein sie vordringt. Wie auch das Bewusstsein fraglich bleibt, in das sie eindringen wird." (Aus: Zeichnung oder Film, 2013).

(2007) 

Zeichnung (345) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Eine improvisierte Wahlkabine in British Columbia mit einer Frau und einem Kind, das beim Wählen zuschauen darf. Beide in Sonntagskleidern, Do not enter when wet. Oder eine Frau, die mit dem Kopf in einer schwarzen Wolke schwebt, in die sie ihre Tochter einbezieht. Oder einfach Denial - Verdrängung der Möglichkeit, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen werden könnte. Die vaterlose Kleinfamilie steht auf dem schwankenden Boden einer Auslegeware, die sich von einer steifen Rolle abwickelt. Überleben geht vor Hokusai: ein wall-to-wall carpet, der ein aufgewühltes Meer zu glätten in der Lage zu sein scheint und als Wirtschaftsgesetz von Kontinent zu Kontinent quer über den Pazifischen Ozean reicht. Dazu das Zusammenspiel einer Hand mit dem Kopf eines Katers, der gestreichelt werden möchte; und zwar genau dort, wo er selbst mit der Zunge und den Pfoten nicht hinkommt. Eine x-beliebige, häusliche Szene also, unter der Schirmherrschaft der Demokratie. Doch hat das Kind gepetzt, dass die Mutter nicht gewählt hat, sondern nur gewürfelt." (Aus: arsenal, januar 14).

(1996) 

Zeichnung (346) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein Stealth-Bomber verharrt im Tiefflug über den Ortskoordinaten eines kommenden Ereignisses. Ein Tintenfisch ist als Religionsstifter an ein 'Kreuz' genagelt worden. Die Holzkonstruktion wurde seinem Körperbau angepasst. So wie auch das Kreuz der Christen die menschlichen Maße ihres Gottes abstrahierend nachvollzieht. Aber Tintenfische nageln sich nicht gegenseitig an Kreuze. Wie auch ein im Bett liegender, schlafender Mensch nicht zu einem Emblem für eine Religion werden könnte. Es fehlt die Dramatik des erduldeten Schmerzes, des ertragenen Verrates und der universalen Vergebung - das Elixier ihrer Existenz, ein Realitätsbewusstsein, das alles verzehrt und verzerrt. Ein menschliches Paar hält sich im freien Fall aus dem Nordturm des World Trade Centers an den Händen, kurz bevor es auf einem Sarg aufschlägt. Der Sarg ist von einem artifiziellen Flammenmeer umgeben. Noch sind an seinen Seitenflächen Muster eines kaukasischen Graf-Teppichs aus dem 15. Jahrhundert erkennbar. Unzerstörbar in jenem Universum, untröstlich vorbei in diesem." (Aus: Zeichnung oder Film, 2013).

(2007) 

Zeichnung (347) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die diffuse Silhouette eines US-Schlachtschiffes, das zu Beginn des Ersten Golfkrieges einen Marschflugkörper abfeuert. Ein Triumph des vom Pentagon entwickelten Global Positioning Systems, das den Siegeszug der unbemannten Fire-and-Forget–Waffen ermöglichte. Angefangen hatte alles im Zweiten Weltkrieg mit dem japanischen Raketengleiter Oka („Kirschblüte“), bei der noch das Gehirn eines Kamikaze-Piloten die Stelle des Computers einnehmen mußte. Von alliierten Soldaten wurde diese bemannte Gleitbombe folgerichtig Baka („Idiot“) genannt. Versenkt wurde damit ein einziges Schiff, die USS Abele im April 1945. Kamikazeflieger bekamen keine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu machen. Drei angeekelte Akrobaten rutschen aus Protest gegen den Raketenstart auf nackten Sohlen am linken inneren Bildrahmen wie an einer Glasscheibe herunter. Ein Sitzmöbel aus der Zeit des Biedermeier dient als Notenschlüssel für den daraus resultierenden Zusammenklang quietschender und donnernder Geräusche." (Aus: arsenal, oktober 18).

(2007) 

Zeichnung (348) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Der Start eines Marschflugkörpers in einer fernen Landschaft unter einem Riesengehirn, das den Himmel fast vollständig bedeckt. Schwarze und weiße Explosionswolken vor dessen grauen Zellen. Wie irre, diese zerschneiden, plastinieren und öffentlich ausstellen zu wollen. Geht alles auf den toten Hasen zurück, den Joseph Beuys als Handpuppe vorführen meinte zu müssen. Der Tiefpunkt einer Karriere, von Imitatoren immer wieder gern nachgespielt. Oder die täglich frischgeschlachteten Kaninchen, in deren noch warme Kadaver der spätere Mörder meiner beiden Großväter, Wilhelm II, seinen missgebildeten linken Arm badete. Zwei langbeinige Teenager springen von Rücken zu Rücken einer Herde chinesischer Wasserbüffel, die geduldig auf einer überschwemmten Weide stehen. Die Luft ist so glasig und verdreckt wie das Wasser. Unten rechts der Anschnitt einer Parallelwelt, die zur Abwechslung nicht mit Waffen- und Schnitttechniken brilliert, sondern mit der Schönheit ihrer unsichtbaren, sterblichen Schaltungen. Alles nicht im Bild." (Aus: arsenal, november 11).

(2007)

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