Zeichnung (319) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

Ein goldener Herbsttag in NYC, 1974. Ich schwebe wie ein Teppich über dem Boden, emporgehoben durch die Geräusche eines Kühlschranks, eines Generators, des Westside-Highways, der Canalstreet und der Vorstellung von Schnee in der Luft und Wasser, in deren Wellen ich AIR schreibe. Artist In Residence, endlich aus der Haut gefahren und kein Verrückter mehr.

(1974)

Erstveröffentlichung in BOA VISTA 2, Hamburg 1975

"Im November 1974 hausten wir im elften Stock eines Bürohauses an der Hudson Street, ohne Heizung. Ich saß auf einer Matratze und kratzte mich, ein unkoordinierter Körper mit Ohrenschmerzen, in Wäsche aus Plastikfasern. Die Geräusche im Kopf nur Brei. Alles war so kalt wie unter der Erde und die Eigentemperatur eine unbekannte Größße. Meine Knochen sackten durch die Haut unter den Teppich und schmiegten sich ans Linoleum, alle gleichmäßig weit vom Erdmittelpunkt entfernt. Eine Bekannte war stolz auf den Abdruck eines Bügeleisens, den ihr ein berühmter Künstler in die Haut des rechten Schulterblattes gesengt hatte. Sie zog sich das Hemd auf dem Rücken herunter und betrachtete das Brandmal in den Spiegelscherben, die wir in die Tastatur einer Telexmaschine geklemmt hatten. Kälte stieg durch meine Kleidung...

Zeichnung (320) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Text under construction"

Wüste, englisch, NYC 1974, mit Halbschatten eines Teppichs. Adverbien als exaltierte Zeiteigenschaften. Negativ eines fliegenden Geräuschteppichs. Eingang zur Übersetzungsproblematik. Fortsetzung in Zeichnung (321). 

(1997) 

Zeichnung (321) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

Wüste, deutsch und englisch, mit fliegendem Geräuschteppich. Soldat nach der Kapitulation in Berlin auf den Trümmern des Reichstages.

(1999)

"Berlin, 11. Oktober 1993. Adverbienwüste, deutsch, fliegender Teppich im Anschnitt und Soldat am Kapitulationstag auf den Trümmern des Reichstages. Der erste Tag in Berlin nach dem Wegzug aus Hamburg. Wie anhaltend ganze Stadtteile – Dahlem, Zehlendorf, Westend bis hin zum Lietzensee – in meinem Gehrin nach III. Reich stinken, wie stark sie die Heimeligkeit der blutigen Operettenherrschaft noch vor sich hertragen. Das Projekt der nächsten Jahre heißt Rückzahlung des durch 'Der Zynische Körper' zustandegekommenen Schuldenberges. Er konnte nur zum Teil durch Schauspielerei in Stalingrad abgetragen werden. Und doch ist die List der Vernunft, die zu dieser Gegenrechnung geführt hat, die reinste Gnade. Der absolute Ekel vor der Filmkamera bleibt. Keine Ahnung, was danach kommt." (Aus: Das schwarze Schamquadrat, 2002).

"Kladno, 11. Juli 1992. gestern auf dem Flug nach... 

Zeichnung (322) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Text under construction"

AIR. 

(1997) 

Zeichnung (323) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Wüste, englisch. Diese Zeichnung, im September 1974 in Manhattan zu Papier gebracht, hat sich als Lebensentwurf erwiesen: eine entropische Landschaft, an deren karge Zeichen sich Adverbien der Zeit und des Ortes heften, dazu einige Konjunktionen. Eine Anzahl von Einsichten und Erfahrungen, die je nach Tagesaktualität auf- und wieder abtauchen, ließen sich im Laufe der Zeit nicht vermeiden: 1. Man verletzt die, die man zu sehr liebt. 2. Jede Narration ist ein staatlicher Eingriff. 3. Die 'klassische Avantgarde' ist von umwerfend komischer Idiotie. 4. Die Lebensgeschichte einer Katze wird nie so populär sein wie die einer Maus. 5. Der Fliegende Holländer und das Star Wars-Thema sind der Match-in-heaven. 6. Die Tarnfarben sind unter den Tieren gerecht verteilt worden. 7. Aus 'Jeder muß mal einen Baum gepflanzt haben' wurde 'Jeder muß mal in einem Porno mitgespielt haben'. 8. Die Liebe ist ein Schmerz im Arsch. 9. Rollen sollten nur noch von Rollen besetzt werden. 10. Es ist nie zu spät, nur irgendwann vorbei." (Aus: arsenal, januar 15).

(1974)

Zeichnung (324) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Wüste, deutsch. In den Nullerjahren fing es an, dass Künstlerinnen und Künstler ihre Tätigkeit als 'Arbeit' bezeichneten und befragt oder ungefragt von ihren 'Arbeiten' sprachen. Sie belegten ihre und die anderer Leute Werke mit dem Adjektiv 'spannend' und beendeten fast jeden Satz mit einem nachgeschobenen 'genau!'. Darauf ließ sich am Besten mit 'Genau: genau!' antworten, und 'spannend' konnte man gutmütig mit 'im Zweifel langweilig' übersetzen. Als Arbeiterkind muß ich aber darauf bestehen, dass man die englischen Begriffe 'work' und 'labour' bei Eindeutschungen nicht synonym verwenden sollte. Die Verwechslung der Sphären könnte sonst weiterhin peinlich bleiben. Interessant ist allerdings, wie das unbewusste Deklamieren von Impotenz in der ständigen Behauptung des Gegenteils zum Massenbekenntnis werden konnte. Der fromme Wunsch, durch die Wortwahl für den Illusionszusammenhang seiner Tätigkeit an einem Markt teilzunehmen, aus dem man in der Masse per definitionem ausgeschlossen bleibt, ist nahezu unheimlich." (Aus: arsenal, januar 14).

(1974)

Zeichnung (325) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Wüste, englisch. Diese Zeichnung, im September 1974 in Manhattan zu Papier gebracht, hat sich als Lebensentwurf erwiesen: eine entropische Landschaft, an deren karge Zeichen sich Adverbien der Zeit und des Ortes heften, dazu einige Konjunktionen. Eine Anzahl von Einsichten und Erfahrungen, die je nach Tagesaktualität auf- und wieder abtauchen, ließen sich im Laufe der Zeit nicht vermeiden: 1. Man verletzt die, die man zu sehr liebt. 2. Jede Narration ist ein staatlicher Eingriff. 3. Die 'klassische Avantgarde' ist von umwerfend komischer Idiotie. 4. Die Lebensgeschichte einer Katze wird nie so populär sein wie die einer Maus. 5. Der Fliegende Holländer und das Star Wars-Thema sind der Match-in-heaven. 6. Die Tarnfarben sind unter den Tieren gerecht verteilt worden. 7. Aus 'Jeder muß mal einen Baum gepflanzt haben' wurde 'Jeder muß mal in einem Porno mitgespielt haben'. 8. Die Liebe ist ein Schmerz im Arsch. 9. Rollen sollten nur noch von Rollen besetzt werden. 10. Es ist nie zu spät, nur irgendwann vorbei." (Aus: arsenal, januar 15).

(1974) 

Zeichnung (326) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Text under construction"

Geräuschteppich mit Wüste. 

(1997) 

Zeichnung (327) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Selbstportrait mit langen Haaren, Neapel 1971. Die Wüste ohne Adverbien der Zeit und des Ortes, eine schwere Depression zersetzt eine toskanische Landschaft. Blitzeinschlag in einen der mittelalterlichen Wehrtürme von San Gimignano. Ein Stein in der Form des Oktaeders aus Albrecht Dürers Melencolia I löst sich von einer Dachbrüstung und fällt mir auf den Kopf. Auch Dürer muß diesen Zustand gekannt haben. Die Sonne hinterläßt uns als Gemüse. Das ist der Nutzen im Laufe der Zeit. Man denke an den Ballonflug über die ägyptischen Pyramiden, zu dem Michael Jackson seine Göttinnen Jackie Onassis, Diana Ross und Elizabeth Taylor einlud, um die Schöpfung westlicher Prägung zu krönen. Wer jeden Ort dieser Welt gesehen hat, muß sich auf die Landschaft seiner Träume verlassen. Um dann daran zu verzweifeln, daß sich Träume nicht auf Wunsch bruchlos fortsetzen lassen. Ihre Logik ist eine andere, sie läßt die Synapsen immer wieder neu kombinieren. Dann hilft nur noch Milk, das milchig-weiße Propofol, um dem Alb zu entrinnen." (Aus: arsenal, januar 16).

(2007) 

Zeichnung (328) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Der Raum eines durch Osteoporose geschädigten Röhrenknochens in 300facher Vergrößerung. Darin zwei an den Schwänzen ergriffene, zappelnde Ratten. Die Skulptur der Psyche aus dem Museo Nazionale in Neapel nach einer Fotografie von Alinari. Oder nach ihrer Gipskopie, die Gabriele d'Annunzio in seiner Villa Cargnacco aufstellen ließ. Wegen der abgesäbelten Schädeldecke wurde der Kopf zum Plakatmotiv für den Film D'Annunzios Höhle. Das Wort 'Heinz' schwebt als arabischer Schriftzug im Knocheninneren. Dessen geschwungene Formen haben Ähnlichkeit mit
denen des Modells für ein Unendliches Haus von Friedrich Kiesler. Der selige Gesichtsausdruck der Psyche verweist auf ein Glück jenseits von Bewusstsein. Noch hat die Göttin des Anonymen Sex nicht mit einem Tropfen heißen Öls ihrer Lampe den geliebten Amor aufgeweckt, noch hat er sie nicht verlassen, weil sie seiner ansichtig wurde, noch ist sie nicht das geknechtete Dienstmädchen der neiderfüllten Venus, die sie durch die Mühlen des Gesellschaftlichen schleifen wird." (Aus: The End, Disko 22, 2011).

(2005) 

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