Zeichnung (309) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Text under construction"

Stiefmütterchen. 

(1984) 

Zeichnung (310) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Der Raum eines durch Osteoporose geschädigten Röhrenknochens in 300facher Vergrößerung. Darin zwei an den Schwänzen ergriffene, zappelnde Ratten. Die Skulptur der Psyche aus dem Museo Nazionale in Neapel nach einer Fotografie von Alinari. Oder nach ihrer Gipskopie, die Gabriele d'Annunzio in seiner Villa Cargnacco aufstellen ließ. Wegen der abgesäbelten Schädeldecke wurde der Kopf zum Plakatmotiv für den Film D'Annunzios Höhle. Das Wort 'Heinz' schwebt als arabischer Schriftzug im Knocheninneren. Dessen geschwungene Formen haben Ähnlichkeit mit
denen des Modells für ein Unendliches Haus von Friedrich Kiesler. Der selige Gesichtsausdruck der Psyche verweist auf ein Glück jenseits von Bewusstsein. Noch hat die Göttin des Anonymen Sex nicht mit einem Tropfen heißen Öls ihrer Lampe den geliebten Amor aufgeweckt, noch hat er sie nicht verlassen, weil sie seiner ansichtig wurde, noch ist sie nicht das geknechtete Dienstmädchen der neiderfüllten Venus, die sie durch die Mühlen des Gesellschaftlichen schleifen wird." (Aus: The End, Disko 22, 2011).

(2005) 

Zeichnung (311) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Lost moving, unterwegs verloren gegangen: der 'Volksschauspieler' und Poet Bernd Broaderup und der Musiker Volker Peters vor einem Backofen aus Stein, in dem Einwickelfolie für Schokolade verbrannt wurde. Das war bei Probeaufnahmen zu Die letzten Geheimnisse der Republik, irgendwann in den 80er Jahren in der Nähe von Wilhelmshaven. Wir hatten gerade unsere Sachbearbeiter bei der KSK aufgesucht. Der Film, meine Arthur-Gordon-Pym-Version, ist immer noch nicht realisiert, und Bernd ist schon 17 Jahre tot. Man hätte mit ihm um die Welt reisen können, aber er wollte nicht, so sind wir zu Hause geblieben. In Der Zynische Körper spielte er seine letzte Rolle – Rob, eine Romanfigur. Das Ungeheuer aus dem Poe-Roman spuckt eine Weltkugel aus, der Jet war 1976 das Logo einer Billigfluglinie. Dazu das gekappte Unendlichkeitszeichen, der Grundriß einer Höhle am Südpol, einer der Drehorte für die Darstellung einer Welt, die sich damals noch BRD nannte." (Aus: arsenal, dezember 08).

(1993) 

Zeichnung (312) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Fotografen müssen sich mit ihren Sinnen den Oberflächen des Wirklichen hingeben und diese auf imaginierten Flächen neu arrangieren. Nur Oberflächen können den Raum zu einem Ereignis, zu einer architektonischen Tatsache werden lassen. Der Blickpunkt, der projizierende Kern des Betrachters, ist ein gesamtes Gehirn, das sich auf den Bildflächen gespiegelt wiederfindet. So kommen sich die Menschen mittels Abbildungsflächen auf die Schliche: Hier hat mein Gehirn gehaust, abzulesen auf einer vor mir liegenden Fläche. Januar 1975: Neun Klappmesser aus einem Haushaltswarenkatalog schweben vor einem blassgrünen Glasschälchen, das zwischen einer Lautsprecherbox und einer stuckverzierten Wand meines Railroad-Apartments an der Brooklyner President Street eingeklemmt daliegt. Fünf Messer werfen Schatten auf die Wand, die vier anderen schweben schattenlos in der Weite des Raumes. 1989 wurde in derselben Nachbarschaft der deutsch produzierte Film Letzte Ausfahrt Brooklyn gedreht. Ich empfand das als persönliche Beleidigung, so unverschämt glatt ist er." (Aus: Zeichnung oder Film, 2013).

(1975) 

Zeichnung (313) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Portrait eines israelischen Soldaten, der mit umwickeltem Hals und halb geöffnetem Mund für eine Illustrierte der Israel Defense Forces Modell gestanden hat. Sein Helm ist mit einem Tarnnetz überzogen. Ein großer, sich verzweigender Blitz reicht vom oberen bis zum unteren Bildrand, und ein in vier Variationen - in positiv, negativ, seitenrichtig und seitenverkehrt - ausgeführter, kleinerer Blitz ist auf einer Wäscheleine aufgereiht worden, die quer durch die Bildmitte verläuft. Darüber ein Stück Stacheldraht vom Gelände des Vernichtungslagers Sobibór. Am 12. Februar 1943 wurde dort als Privatvorführung für den SS-Reichsführer Heinrich Himmler die Ermordung von hundert Frauen organisiert, um ihm den Vernichtungsvorgang zu veranschaulichen. Die Frauen waren eigens für diese Demonstration aus dem Ghetto des benachbarten Lublin herbeigeschafft worden. Auf dem unteren Bildrand drei Stadien einer Amsel in ihrem Gefieder auf einer Stange, bei zwanzig Grad minus, null Grad und zwanzig Grad plus; zuerst mit unsichtbarem, dann mit sichtbarem Kopf." (Aus: Zeichnung oder Film, 2013).

(2005) 

Zeichnung (314) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein Raum an der President Street, Brooklyn 1975. Haushaltsmesser, Tasse, Wollknäuel mit Stricknadeln und die perspektivisch verzerrte Postkarte mit Edward Hoppers Gemälde Room At The Sea mit projizierten Schatten. 11231 war die Postleitzahl des damals noch heruntergekommenen Stadtteils. Wir lebten auf der Grenzlinie zwischen italienischen und puertoricanischen Nachbarschaften. Eine Kampfzone, die ein Nachdenken über die Eigenzeit provozierte. Der komplexe Zellverbund, der mein Ich hervorgebracht hat, ist wie jedes andere Objekt des Universums an einen inneren Zeitablauf gekoppelt, der sich gleichzeitig ungleichzeitig zu denen aller anderen Objekte verhält. Das ist der Krieg. Eine Zeitmaschine habe ich mir aber immer nur dann gewünscht, wenn ich einen Brief in einen falschen Schlitz eingeworfen oder mir mal wieder den Arm gebrochen hatte. Meine außerhalb der Zeit agierenden subatomaren Teilchen hatten sich gegenüber den komplexen sozialen Situationen, in die sich mein Ich hineinbegeben musste, wieder einmal hilflos unterlegen gezeigt." (Aus: Zeichnung oder Film, 2013).

(1975) 

Zeichnung (315) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Fotografen müssen sich mit ihren Sinnen den Oberflächen des Wirklichen hingeben und diese auf imaginierten Flächen neu arrangieren. Nur Oberflächen können den Raum zu einem Ereignis, zu einer architektonischen Tatsache werden lassen. Der Blickpunkt, der projizierende Kern des Betrachters, ist ein gesamtes Gehirn, das sich auf den Bildflächen gespiegelt wiederfindet. So kommen sich die Menschen mittels Abbildungsflächen auf die Schliche: Hier hat mein Gehirn gehaust, abzulesen auf einer vor mir liegenden Fläche. Januar 1975: Neun Klappmesser aus einem Haushaltswarenkatalog schweben vor einem blassgrünen Glasschälchen, das zwischen einer Lautsprecherbox und einer stuckverzierten Wand meines Railroad-Apartments an der Brooklyner President Street eingeklemmt daliegt. Fünf Messer werfen Schatten auf die Wand, die vier anderen schweben schattenlos in der Weite des Raumes. 1989 wurde in derselben Nachbarschaft der deutsch produzierte Film Letzte Ausfahrt Brooklyn gedreht. Ich empfand das als persönliche Beleidigung, so unverschämt glatt ist er." (Aus: Zeichnung oder Film, 2013).

(1975) 

Erstveröffentlichung in BOA VISTA 2, Hamburg 1975

Zeichnung (316) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Selbstportrait in einer Drehpause zu einem Porno in San Franzisko im Sommer 1975. An der Wand des Drehortes, einem Apartment im Mission District, Vladimir Tatlins Entwurf für eine Skulptur, die die III. Internationale preisen sollte - ein Bild, das ich damals immer bei mir hatte. In meinen Notizen aus jener Zeit tauchen außer Buster Keaton, Jack Smith und Josef von Sternberg kaum Filmemacher auf. Als bildende Künstler neben Tatlin nur Francis Picabia, Alexander Rodtchenko, Edouard Vuillard und El Lissitzky. Dafür aber viele Schriftsteller, so als sei in der Literatur ein größerer Fundus an Modellen für die Lösung der auch im Film virulenten logischen Probleme bei der Darstellung simultaner Ereignisse aufzufinden: Gustave Flaubert, Philip K. Dick, Arthur Rimbaud, Marcel Proust und immer wieder Edgar Poe - 'I have graven it within the hills, and my vengeance upon the dust within the rock', die anonyme Inschrift in der Höhle eines Felsenmassivs am Südpol. Allan, der Name seines verhassten Stiefvaters, bleibt weg." (Aus: arsenal, mai 10).

(1976) 

Zeichnung (317) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein Packen Papierhandtücher, die mit einem visuellen Pamphlet über die Zweiteilung der Menschheit bedruckt sind, an der Wand eines italienischen Hotels, 1971. Frau = Schminksachen / Mann = Rasierzeug. Die Zeichnung wurde 1982 das Motiv des Plakats zum Film Normalsatz, der diese Trennlinie nachvollzieht. Die Figur zur Rechten besteht aus dem Negativ aller Bestandteile des Selbstportraits in Zeichnung Nr. 316 (mai 10). Daß mein Vater mir einen Rasierapparat schenkte, als mir noch gar kein Bart wuchs, war ein traumatisches Erlebnis. Zumal weil auch ihm, als altem Indianer, kaum einer wuchs. Ein Kriegsschiff in Camouflage-Bemalung im Ersten Weltkrieg auf einem geneigten Horizont, ein erster Schritt in der Entwicklung geometrisch-optischer Illusionsmalerei, weg vom "Schlachtschiff-Grau". Tarnfarben waren nicht genug. Groteske Muster in starken Kontrasten ausgeführt verwirrten die Einschätzung realer Formationen und Linienführungen. Ein paar kubistische Maler entkamen so als kriegswichtige Spezialisten dem Frontdienst." (Aus: arsenal, mai 11).

(1976) 

Zeichnung (318) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Selbstportrait mit Stilett, San Franzisko, Sommer 1975. Nach einem Standbild aus dem Film Sons von Udo Serke. Ich spiele darin einen Messerstecher mit langen, fettigen Haaren. Das Klappmesser hatte ich aus NYC mitgebracht, bezahlt aus eigener Tasche. Und für die Rolle im Film die masochistische Phantasie, damit Menschen zu bedrohen, die es mir aus der Hand schlagen und mich dann damit erstechen würden. Im Gegensatz zu Wie ein Messer durch die Butter gehen. Ich hatte mir gerade am Strand des Stanley Parks in Vancouver die Haut meiner linken Seite an der Sonne verbrannt, weil ich die Lektüre von Querelle nicht durch eine Drehung des Körpers unterbrechen wollte. Auf dem Fußboden das negative, harte und staubige Licht eines Fensterkreuzes, in dem ich mich in Brooklyn zu wälzen pflegte, um die Schärfe des Messers an der Zunge zu spüren. Auf der Leiste unten neun weiße Eßgeschirrteile aus der verhaßten Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin: 'Messer, Schere, Licht dürfen kleine Kinder nicht!' '... haben' oder '... sein'?" (Aus: The End, Disko 22, 2011).

(1976) 

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