Zeichnung (299) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Großbaustelle einer Teilchenbeschleunigungsanlage tief unter der nordamerikanischen Wüstenerde, im Hintergrund Spuren von Protonen auf einem Bildträger. Verschmelzungsprozesse von Elementarteilchen sollen hier erforscht und ein Beweis für die Existenz von Antimaterie gefunden werden; eine unendliche Abfolge ungelesener Daten ist das Ergebnis. Ein Hohlraum der Heterosexualität mit seiner klar gegliederten Sexualsymbolik. Links am Bildrand zwei Ruderer im deutschen Weltmeisterschafts–Achter. Auf einem lupenförmigen Ruderblatt kehrt sich die Röntgenplatte mit den Protonenspuren ins Negativ. Unten rechts ein Riesenpenis aus Holz in einem Shinto-Tempel in Kyoto, Japan. Seine Eichel wird gerade von einer Angestellten oder einem Angestellten aufpoliert. Die politische Korrektheit überlieferter Kunstformen müsse dringend überprüft werden, fordert eine mental überforderte akademische Welt. Aber daß wir im Mittelalter leben, wissen wir doch. Man sollte eher Zeitkapseln versenken, mit herzlichen Grüßen an die Nachgeborenen." (Aus: arsenal, november 16).

(1994) 

Zeichnung (300) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Der Versuch, ein Geräusch zu zeichnen: die Demonstration eines Ginsu-2000-Messers, mit dem man Blechdosen zerschneiden kann. Ein japanisches Jagdflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg im Anflug auf die Silhouette eines jungen Bordschützen im ready room des Flugzeugträgers USS Ticonderoga, am 5. November 1944 irgendwo in der Philippinischen See. Sein Kopf ist voll von Motorengeräuschen. In seinen Schattenriß sind Aufzeichnungen über staatlich ausagierte Sexualphantasien beim Verbrauch junger Soldatenkörper eingebrannt. Wer wird zum Opfer erklärt, und was befruchtet den überlebenden Admiral? Immer wieder die Utopie, aus der eigenen Haut fahren und in einer anderen Zeit leben zu können. Unten zwei Narzißten beim Gay-Tea-Dance im Berliner Metropol, Ende der 80er Jahre, als die nackte männliche Brust in den Medien der westlichen Welt mit der weiblichen gleichzog. Der Tanz bestand darin, so als konkave Spiegelfläche aufzutreten, daß sich irgendwo im leeren Raum ein Brennpunkt realisierte. Und das Geräusch wurde zu Musik." (Aus: arsenal, april 10).

(1994) 

Zeichnung (301) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Der Grundriß der von Richard Neutra 1935 im San Fernando Valley erbauten Villa für Josef von Sternberg. Die schwarzen Ovalausschnitte sind Pools oder Teiche für exotische Fische. Navy-Piloten der benachbarten Fliegerhorste benutzten die im Grundriß dem Deck eines Flugzeugträgers ähnelnde Villa als Anflugsziel bei ihren Bombenabwurfsübungen. Sternberg verkaufte die Villa wegen der ständigen Lärmbelästigung. Außerdem wollte er nicht im Traum eines anderen leben. Damit war Richard Neutra gemeint – ein hübscher Einwurf gegen eine megalomanische architektonische Moderne. Davor ein junger Bordschütze, am 5. November 1944 von Wayne Miller auf der USS Ticonderoga fotografiert, dem Tag, an dem er mit seinen Kameraden Manila bombardieren sollte. Ein Jagdflugzeug wird sich in sein Ohr bohren. Auf dem Ärmel seiner Uniformjacke das Abbild einer anderen, vom Bundesgrenzschutz konziperten Jugend: ein Mitglied der GSG 9, mit Maschinenpistole im Anschlag." (Aus: arsenal, märz 09).

(1994) 

Zeichnung (302) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die diffuse Silhouette eines US-Schlachtschiffes, das zu Beginn des Ersten Golfkrieges einen Marschflugkörper abfeuert. Ein Triumph des vom Pentagon entwickelten Global Positioning Systems, das den Siegeszug der unbemannten Fire-and-Forget–Waffen ermöglichte. Angefangen hatte alles im Zweiten Weltkrieg mit dem japanischen Raketengleiter Oka („Kirschblüte“), bei der noch das Gehirn eines Kamikaze-Piloten die Stelle des Computers einnehmen mußte. Von alliierten Soldaten wurde diese bemannte Gleitbombe folgerichtig Baka („Idiot“) genannt. Versenkt wurde damit ein einziges Schiff, die USS Abele im April 1945. Kamikazeflieger bekamen keine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu machen. Drei angeekelte Akrobaten rutschen aus Protest gegen den Raketenstart auf nackten Sohlen am linken inneren Bildrahmen wie an einer Glasscheibe herunter. Ein Sitzmöbel aus der Zeit des Biedermeier dient als Notenschlüssel für den daraus resultierenden Zusammenklang quietschender und donnernder Geräusche. (Aus: arsenal, oktober 18).

(2007)

Zeichnung (303) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Hamburg, 1978. Beim Gerede von Heimat ist darauf zu achten, dass ein jeder den Kapitalismus als die seine anerkennen möge, denn eine andere gibt es nicht. Wir sind frei im Sinne von begrenzt verwertbar, den Partikularinteressen unseres Wirtschaftsgesetzes ausgeliefert. Dieser Realität ein transzendental umfassendes Seinsprogramm entgegensetzen zu wollen, artet nur in völkischen Schwachsinn aus. Da sterbe ich lieber als Ware, die keinen Markt gefunden hat. Alles andere ist zu persönlich, nicht intelligent genug und deshalb verbrecherisch. Fürsprecher dieses Systems aber sollten den Mund halten, denn es ist per se menschenleer. Die Skyline von Achim in den 50er Jahren, bei Tag und bei Nacht und seitenverkehrt auf den Kopf gestellt. Tatsachen, die für sich sprechen: Die Zinkwanne im Garten, in der einmal pro Woche gebadet wurde, eine zwei Zentimeter große Ziermuschel auf der Kommode, der blühende Zweig unseres Kirschbaums, das Namensschild meines Schulheftes, eine Aktenlitze und der angedrohte Abwurf einer Atombombe." (Aus: The End, Disko 22, 2011).

(1978) 

Zeichnung (304) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Am ersten Schultag, 1954 in Niedersachsen, mit meinem Stiefopa vor einer Hecke und einer Edeltanne in unserem Vorgarten am frisch angelegten Steinbeet. Er erzählte mir von einem Eisernen Vorhang quer durch Deutschland. Dessen Konstruktion dachte ich mir als verschraubtes Stahlgerüst. Ich fragte mich, wie es im Himmel aufgehängt sein könnte. Auf der anderen Seite war es sicherlich tief im Boden verankert. "EV" = Eiserner Vorhang = e.V. = eingeschriebener Verein = ev. = evangelisch. "2" ist die Zahl, die eine Lehrerin meistens in die rechte untere Ecke meiner Zeichnungen schrieb. 1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = befriedigend, 4 = ausreichend, 5 = mangelhaft, 6 = ungenügend. "4" war unsere Hausnummer an der Straße Am Bahndamm hinter der Hecke. "22" ist schon immer meine Lieblingszahl gewesen. Vom Tornister auf meinem Rücken hängt der Wischlappen für die Schreibtafel aus Schiefer. Das transparente Brotauto ist ein Symbol für die dicklich süße, hellbraune Suppe aus Brotresten, die meine Großmutter damals oft für uns kochte." (From: arsenal, dezember 10).

(1977) 

Zeichnung (305) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"In der Handschrift von Larry Gottheim, 1975, zwei Worte: Possible (material), Material für Möglichkeiten. Nächtlicher Sirenenalarm in Achim, 1956, der Deich ist gebrochen. Ein Schild, das sagen will, 'Mein Vater ist kein Schwein.' Er springt mit seinem Messer-Brett-Gesicht im Weihnachtsmann-Kostüm von einer mit Trieben besetzten Riesenkartoffel in die Fluten der überschwemmten Weser. Als Nichtschwimmer, um mich aus der in Flammen stehenden Holzkiste zu retten, in der ich mich den Fluß abwärts zur Nordsee treiben lassen wollte. Ich war von der Seetüchtigkeit der Kiste überzeugt, hatte sie mit einem Sack Kartoffeln als Nahrungsvorrat ausgestattet und wollte darin nach der Umschiffung Europas über den atlantischen Ozean an die Küste Afrikas gelangen. Genauer gesagt bis in den Kamerun. So hieß noch ganz unverfroren und traumverloren eine Straße in unserer Nachbarschaft, die durch eine Sanddüne führte. Allerdings würde ich noch heute bis in die Wüste laufen, um mir keinen Film von Andrej Tarkowski ansehen zu müssen." (Aus: flypaper #5, 2010).

(1983) 

Zeichnung (306) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"(Possible) Material, mögliches Material. Die Windungen der Weser zwischen der Horstedter Fähre und der Brücke bei Uesen südlich von Bremen. Ein Duschkopf, aus dem Sand rieselt, kreuzt sich mit einem Förderband für Sand. Titel der Rollbilder im Hintergrund: Sandberge und Fensterfluchten. Im benachbarten Dorf Bierden gab es Dünen, deren Sand nach dem II. Weltkrieg beim Wiederaufbau von Bremen in den Hochhäusern der Wohnsiedlung Neue Vahr verbaut wurde. Ein auf der Flucht in die Freistadt Bremen im Sand bei Achim von Kopfgeldjägern gestellter Leibeigener wollte sagen: 'Ach, im Sande muß ich sterben', kam aber nur bis 'Ach, im', bevor er geköpft wurde. Daher der Name. Und die Vorliebe für halbe Sätze. Der Überseedampfer Bremen aus einer Kinderzeichnung mit einer Haifischflosse vor Manhattan. Wochenlanger Streit mit meiner Schwester, die behauptete, es gäbe keine Haifische vor der amerikanischen Küste. Ich konnte die Abbildung, die mir als Beweis dienen sollte, im Bertelsmann Volkslexikon von 1956 nicht wiederfinden." (Aus: flypaper #5, 2010).

(1983) 

Zeichnung (307) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Text under construction"

Die Weser. 

(1984) 

Zeichnung (308) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Text under construction"

Der mißglückte Sprung. 

(1982) 

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