Zeichnung (289) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein schwerer Himmel, apokalyptische Zeitenwenden in immer schnelleren Abfolgen. Ein Schlachtfeld auf der Halbinsel Kertsch, im Südosten der Krim, mit über 176.000 von Deutschen getöteten Soldaten und Zivilisten. Der sowjetische Fotograf Dmitri Baltermants fotografierte dort 1942 die Silhouetten von Menschen auf der Suche nach den sterblichen Überresten ihrer Angehörigen. Rechts ein Astronaut als Cherub bei Außenarbeiten an einer Raumstation. Er kratzt vergeblich am Zeitgefängnis. Darüber reicht der stark vergrößerte Ausleger eines unsterblichen Pilzgewächses mit hochgiftigen Sporen wie eine Sonde ins Bild, die alles Leben aufsaugt. Links unten das Selbstbildnis von Urs Graf als ausschreitender Landsknecht - eine Karikatur aus dem Jahr 1519 am und vom äußersten Rand der Wahrnehmung. Ein Vogel ist im Begriff, sich auf seinen Kopf zu stürzen wie auf den von Tippi Hedren in Die Vögel. Lebenshilfe der Medialen: Stellen Sie Ihr Fernsehgerät permanent auf den Modus Schwarzweiß ein, schon ist alles Instant Vergangenheit." (Aus: arsenal, juni 12).

(2007) 

Zeichnung (290) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Text under construction"

Soldat in der Wüste. 

(1999) 

Zeichnung (291) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"King Tetris in Aktion. Quadratformationen, die in allen möglichen Kombinationen aus einem hilflos in Spielsucht erstarrten Kopf herausfallen. King Tetris ist auf Autopilot und reagiert tranceartig auf jede Bewegung an seiner Blickperipherie. Dennoch strecken sich aus seinem Inneren zwei Arme einem möglichen Retter entgegen. Aber nur eine Gabel, die fortschreitend ihre Zinken verliert, nähert sich seinem Gesicht. Dahinter eine Mikrobe, die Durchfall erzeugt, als Bombe über dem Hospital einer Kleinstadt, die sich auf den Ausbruch einer Seuche einstellt. Die reine Zeit der Spiele gegenüber dem erzwungenen Verlauf einer Krankheit. Der im pathologischen Spielen stattfindende Austritt aus der Realzeit ist suchterzeugend. Der erzwungene Eintritt in die Realzeit eines analogen Krankheitsverlaufs niederschmetternd. In beiden Fällen macht sich eine Finsternis breit, die alles zu verschlingen droht. Die Krone der Schöpfung entledigt sich ihrer Pflichten. Ihr Kopf verschwindet zwischen den Zähnen eines Reißverschlusses." (Aus: arsenal, oktober 15).

 (1994) 

Zeichnung (292) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Lifestyle-Käse: Die Verwischung der Grenzen zwischen Lebensstil und Kunstprodukt, gemeinhin gefeiert als „Leben“, das, wie man weiß, nicht lebt, ist spätestens seit D’Annunzios Treiben Legende. Daß er seinen Kitsch und seine Drogensucht als gepampert reicher Mann ausleben durfte, enthebt seinen Inszenierungen nicht dem Vergleich mit denen von, sagen wir mal, Jack Smith, der seine lukrativen Beziehungen nur geschickt verbarg. Dieser wußte von der normativen Kraft der street credibility, jener von der bindenden Kraft des Neids. Arrested development ist in beiden Fällen zu konstatieren. Viele Künstler leben in Armut, aber seit wann ist Armut eine Kunst? Auch wird Kunst durch Armut nicht geadelt. Das Ringen um Anerkennung, daß allzu oft vor der Haustür der Bourgeoisie und ihren Politikern als Bettelnummer ausgetragen wird, ist ein Akt autoritärer Fixierung. Daß man die Armut und ihre Gründe analysiert, ist noch lange keine Kunst, sondern zuerst einmal eine Wissenschaft. Die Armut darzustellen, kann allerdings eine sein." (Aus: arsenal, dezember 20).

Fußboden eines Apartments an der West 11th Street in NYC, 1975. Auf dem Teppich eine Flasche Hautmilch, auf die ich beim Aufstehen getreten bin und deren Inhalt gegen den Rand des Bettuches spritzte, direkt unter das stilisierte Profil von Jonas Mekas aus dem Kopf seiner Village-Voice–Kolumne. Die Voice liegt auch auf dem Teppich. Darin ein Interview von Jonas (J) Mekas mit Klaus (K) Wyborny. J und K als Raubfische der Tiefsee. J trägt als Muster ein Schreckensgesicht auf dem transparenten Magenbeutel.

(1993) 

Zeichnung (293) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Text under construction"

Haushalt. 

(1977) 

Zeichnung (294) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Text under construction"

Gehirnevolution. 

(1996) 

Zeichnung (295) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Mood Circle, ein Kreislauf unberechenbarer Launen. Doom Clerc, der Dechiffreur eines unvermeidlichen Verhängnisses. Nach der alten Zeichnung Mood Circle Mona Cries von 1971, dem Jahr, in dem alles aus dem Ruder lief. Ein zum Untergang verdammtes Stabilbaukasten-Paddelboot als Symbol meines abgebrochenen Universitätsstudium. Die Stele mit einer Männerskulptur aus der russischen Kaserne in Wünsdorf reicht bis in die Wolken. Eine hohe, spitz zulaufende Tsunami-Welle läuft auf dem Festland auf die Stele zu. Verschlagene westliche Dekadenz: Während der Vorbeifahrt an dem Militärkomplex warfen wir den Rekruten, die dort den Gehweg fegen mußten, Pornohefte zu. Und das, nachdem sich Freunde in Prag darüber beschwert hatten, daß wir nur Apfelsinen mitgebracht hatten statt der erwünschten Exemplare des Spiegel. Die Früchte erscheinen mir auch heute noch die sinnvollere Gabe als jene Journaille, und die Pornos machten unmittelbar Sinn – ein versteckter Verweis auf Klossowskis La Monnaie vivante, das gerade erschienen war." (Aus: arsenal, mai 18).

(1996) 

Zeichnung (296) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Hand eines Tierarztes mit der Todesspritze, aufgezogen für meine gelähmte und geliebte, alte Katze. Ein schwarzer Heiligenschein umgibt ihren verschwitzten Kopf. Ein zischendes SSSSH war der letzte Ton, den sie von sich gab. Dazu eine afrikanischen Landschaft mit Affenbrotbäumen, so wie ich sie mir als Kind in Norddeutschland vorgestellt habe. Unter der Erde der Nagel, der sich im texanischen Big Bend Park 1989 in einen Reifen meines Wagens gebohrt hatte, und der jetzt als Beigabe im Grab der Katze bei Lüneburg liegt. Von den Wurzeln der Bäume hängen mehr oder weniger vollständige menschliche Skelette, die bei den Ausgrabungen für eine Gated Community zutage getreten waren. Das alles kurz vor der Abreise nach Prag zu den Dreharbeiten von Stalingrad, mit deren Entlöhnung Joseph Vilsmaier mich 1991 vor einem finanziellen Desaster rettete – in case you don't mind. Die Wege der Freiheit sind verschlungen und seltsam, aber nicht unergründlich. Auf jeden Fall führten sie nicht über den Jungen Deutschen Film zum Ziel." (Aus: arsenal, juni 14).

(1993) 

Zeichnung (297) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Centerfold des am 3. September 1988 während der Dreharbeiten zum Film Der Zynische Körper in Brand geratenen und in einer Toilettenschüssel gelöschten Notizheftes Nr. 66. Die verbrannten Seiten erinnern an Zwiebelschalen und werden von Heftklammern zusammengehalten. Zwei Spermien bohren sich in die Außenhülle einer menschlichen Eizelle, ein Winner und ein Loser. K & ORT & SON = KORTISON = Ort einer Kortison-Allergie = Ort des Sohnes = Örtchen. Der Lokus selbst eine riesige Kaldewei-Toilette, die Menschen darum eine Gruppe danebengefallener Würstchen. Möge ein jeder mit seiner Depravierung selbst klarkommen, lautet die Definition von Schicksal. Der Diktator träumt sich als schönen Menschen und verkündet den Häßlichen, dass auf jeden Topf ein Deckel passe. Auf dem WC-Deckel eine unmögliche Projektion: Licht, das von einer Lampe aufgesaugt wird, anstatt von ihr abgestrahlt zu werden. Der Wunsch, daß sich die Zeit auf Knopfdruck umdrehen möge, in Lichtgeschwindigkeit. Die Zeit ist Licht, die Mutter aller Relationen." (Aus: flypaper #5, 2010).

(1994) 

Zeichnung (298) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"L = el = Er. Zwölf an ihren Halskrausen aufgehängte Astronautenanzüge des Apollo-Programms. Aufreihung und Austauschbarkeit der Krone der Schöpfung. Links unten Spermien, die auf eine weibliche Eizelle zusteuern, rechts oben die Spitze eines vom Architekten Louis Sullivan entworfenen Kronleuchters. Falls man aus dessen Gestalt eine Sexualsymbolik ableiten möchte, wäre sie in ihrer Verschlungenheit hinreichend befriedigend kompliziert zu nennen. Jedes Gebäude steht für einen sozialen Akt, jeder Akt für ein soziales Gebäude. Der Kronleuchter hängt in vierfacher Ausführung in der 1906 bis 1908 von Sullivan erbauten National Farmer's Bank in Owatonna, Minnesota. Eine Architektur, der ein menschliches Maß nicht fremd geworden ist. Man beziehe sich auf die Zeichensprache der Natur statt auf historische Stile, lautet die Lehre. Die Natur ist für jeden zugänglich, also die Grundlage der Demokratie. Diese muß ein Gefäß für die Wiederholung der menschlichen Erfahrung sein. Ihre Orte haben die Würde des Menschen zu wahren." (Aus: flypaper #5, 2010).

(1994) 

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