Zeichnung (249) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Erforschung der Unsichtbarkeit findet im Untergrund statt und bleibt schwer vermittelbar. Krebsforschung als Synonym für Wissenschaft, ihr Objekt der Mensch, dem das Leben unheimlich geworden ist. Die Verkündigung von Diagnosen. Zeit wird zum Fetisch, Restzeit wird prognostiziert, Zerfallszeiten werden konstatiert. Zwei Frauen, in einem schwarzen und mit einem weißen Wickelkleid, vor den geöffneten Türen des Röntgenkellers der Krebsstation im Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg. Nach einer Fotografie von Graciela Stania, die sich durch Fotografieren zur Wehr setzen wollte. Ein Feuermelder, schwarze Wände und ein Fensterloch. Grabkammern, in denen Forschungen am lebendigen Leib angestellt werden. Auf allen Raumebenen aufgeblasene Schriftzeichen aus dem Text zum Film Normalsatz, in dem ein Schicksal eingefordert und proklamiert wurde. Schrift als ein Gitter und transparentes Ornament, durch das wir hindurchblicken in eine Welt jenseits von Perspektive. Das Schmiedeeisen brutal ordnend als osmotische Schicht." (Aus: Schwarze Blöcke, SchwarzHandPresse 2010).

(1984) 

Zeichnung (250) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Eine mit Tipp-Ex unleserlich gemachte Schrift, die sich über die zerknitterte Fotografie der Mainstreet einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA in den 50er Jahren gelegt hat. Ließe sich jedes Denken auf ein System zurückführen, wäre das, was an seiner Oberfläche als Sprache auftaucht, nur das winzige Segment einer Kugeloberfläche, und so unregelmäßig in seinen Strukturen wie die Oberfläche unseres ganzen Planeten. Die Oberflächen des Seins, dem technischen Bild so universal wie öde zugänglich, hier sind sie noch einmal gebrochen. Die Schwerkraft der Gedanken, die auf einen unsichtbaren Kern hin zielt, und die von diesem Kern ausgehenden Projektionen von Schrift, die auf den Oberflächen aller Objekte dekliniert wird. Eine verwitterte Sprache, Zweite Sätze, die ohne unser Zutun passieren. Dies alles hätten wir zusammen erfahren können. Jetzt ist es zu spät. Zwei Finger einer Hand bedienen die Röntgenanlage eines Krebszentrums. Ein Drink aus einem Schierlingsbecher. Der Vergiftete erstickt bei vollem Bewusstsein." (Aus: Schwarze Blöcke, SchwarzHandPresse 2010).

(1984) 

Zeichnung (251) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein Raumschiff in der Form eines geschliffenen Diamanten transportiert Wasser auf einen ausgetrockneten Felsenplaneten. Jemand umarmt einen Baum und horcht auf die Geräusche des im Stamm aufsteigenden Wassers. Gabriele d’Annunzio liest in der Uniform eines Feldpredigers aus seinen Tagebüchern vor: 'Bei uns gibt es nur einen politischen Weg: Zerstören. Was jetzt ist, ist nichts, ist Moder, ist der Tod, ist gegen das Leben.' Er versucht vergeblich, Kontakt mit den Außerirdischen aufzunehmen. Das Wasser verzieht sich zu einer Fratze, als es von d’Annunzio gelobt wird: 'Vorzüglich ist das Wasser.' Es kann auf falsche Freunde verzichten. D’Annunzio blödelt weiter vor sich hin: 'Vorhin sah ich aus dem Fenster die Hühner meiner Haushälterin. Wäre ich eines von ihnen, würde mich keiner daran hindern, mein Ei zu legen', um dann weiter zu toben: 'Warum bin ich nur ein Mann? Warum bin ich nicht ein ganzes Heer? Meine Kühnheit ist gegenwärtig grenzenlos.' Das Wasser zieht es vor zu schweigen." (Aus: arsenal, dezember 18).

(2007) 

Zeichnung (252) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein Spalier stürzender Bücher und vollgeschriebener Hefte, darunter ein Handbuch für Marine-Infanteristen, dem zu entnehmen ist: Eine Mütze bedeutet Coverage, Bedeckung. 'Bratze, Spund, Muli, Nati, Ulla, Ille, Scholly' und 'Lina' sind mit Bleistift notierte Namen in meinem Poesiealbum aus den 50er Jahren. Sie sollten leere Seiten für die Einträge ihrer Träger reservieren. Anfang der 70er Jahre absichtlich zeichnerisch zerstochen von Dolchen, auf einem Bett, das mit einer kunstvoll abgesteppten, dunkelroten Tagesdecke drapiert war. Ein gespannter, silbern durchwirkter Faden verbindet vier Druckknöpfe aus Metall, eine Collage, die nichts mehr repräsentieren will. 'Philadelphia' ist der Name einer unmöglich gewordenen Freundschaft, die 1965 während eines schweren Sturmes auf der Irischen See begann und sechs Stunden später in einem Straßengraben zwischen Milford Haven und Haverfordwest in Wales endete. Wie auch Kommunikation in Sackgassen verläuft, Müdigkeit hervorruft und nicht ohne Grund abbricht. Sie hat es gehabt." (Aus: flypaper #5, 2010).

(1993) 

Zeichnung (253) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Links die Farben der Vokale bei Arthur Rimbaud: A = Schwarz, E = Weiß, I = Rot, O = Blau und U = Grün. Aus einem Handbuch für Marine-Infanteristen: Ein Stahlhelm bedeutet Protection, Schutz. Das Dreieck der Herzpositionen in den Silhouetten dreier Leichen, 1969 in den Hollywood Hills ermordet von der Bande um Charles Manson. Rechts ein vertikales Band aus Büchern und Heften. Die Paradoxie des Schreibens, das Wechselspiel von Verbergen und Preisgeben, jede Schrift ein Grauwert: zwei mit einer Schelle verkreuzte Arme vor einem teilweise geschwärzten Text. Jeder Schriftsteller behauptet als Leser von heute das Gegenteil von dem, was er schreibt. So wird er gründlich verstanden und kommt sich dabei noch schlecht hingekritzelt vor. Dieses Gefühl reicht er an die beschriebenen Tatsachen weiter: 'Ich bin eine Bombe, also bist auch du eine Bombe.' Die Schubladen voll mit gezierten Testamenten , die überforderte Nachkommen im Klo versenken. Sie gehen keinen etwas an, deshalb veröffentliche ich sie. Als Schrift und Verbrechen." Aus: flypaper #5, 2010).

(1993) 

Zeichnung (254) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Eine religiös verkündete Apokalypse, ein berstender Himmel dargestellt auf einem Holzschnitt von Albrecht Dürer. Betende, die sich mit dem Rücken zum Betrachter vor einem stilisierten Haus auf einem Küchenpapier-Aufdruck verneigen und den Boden küssen. Die Darreichung einer Küchenrolle rechts, dazu links zwei Pappeln auf einer Kohlenhalde in West-Berlin zur Zeit der Blockade. ADE = Abschied, A = Anfang, D = Dürer, E = Ende. „Der Anfang vom Ende“ wäre geprahlt: Der Anfang ist das Ende. Organisierte Religiösität vergiftet alles. Sie ist “gewalttätig, irrational und sektiererisch, verbündet sich mit Rassismus, Tribalismus und Fanatismus, fördert Ignoranz, verhindert freie Forschung, verachtet Frauen, bemächtigt sich der Kinder und hat fast alles auf dem Gewissen“, schreibt Christopher Hitchens in seinem Buch God is Not Great von 2007. Achtung, der Fortschritt ist unaufhaltsam: Jetzt müssen wir die wahhabitischen Saudis dafür loben, daß sie ihren Frauen das Autofahren erlauben wollen." (Aus: arsenal, september 18).

(1993) 

Zeichnung (255) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Umkehrschub: Gegenwart als Zukunft und Vergangenheit, die ganze Palette vom beredten Mosaik bis zum nichtssagenden Stein, wie das Band einer Autobahn durch ein pathetisch deklamiertes Weltkulturerbe. Eine Spirale mit Pfeilen an beiden Enden verbindet die Île de Salagnon im Genfer See mit einer Giftgasfabrik in Libyen. Sie windet sich um die 1890 von Paul Nadar fotografierte Skyline von Samarkand. Sich durch Waffenhandel in einem Kulturdenkmal einen Platz in der Vergangenheit erobern, so wie es mit der von Adolf Loos gestalteten Villa Karma in Clarens bei Montreux geschah, zu der es keinen Zutritt mehr gibt. Dazu ein gegenläufig fluides Zeitband als Osmosekraftwerk: ME--IT--TIME. Die Leiche einer Passagierin der Boeing 747 Maid of the Seas hängt an ihrem Sitzgurt vom Dach eines zerstörten Hauses im schottischen Lockerbie vor dem ME des Bandes. Vor dessen IT auf der gegenüberliegenden Seite eine extreme, arabische Massage inklusive Handstand. Die Bilder einer brutal propagierten Vergeistigung, der Körper verspricht gar nichts mehr." (Aus: The End, Disko 22, 2011).

(1996) 

Zeichnung (256) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Die Rüstung für einen Pferdekopf schwebt über einer Priesterweihe im Petersdom zu Rom. Die Finger einer beringten Hand versuchen die Öffnung für das rechte Auge des Pferdes schützend abzudecken. Der Zeigefinger einer weiteren Hand sticht in die linke Augenöffnung des Panzers, aber das Pferd ist abwesend. Die Vorderseite einer Giebelwand aus Brettern mit einem darin eingelassenen Tor dient als Altar, zu dem sich die mit dem Gesicht zu Boden liegenden Kandidaten ausrichten. Im Hintergrund die Wiederholungen dieser Bretterwand in Apfelbrotmengenmanier als unendliche Schlange, Tor folgt auf Tor. Die Silhouette eines Soldaten im ersten Golfkrieg sitzt auf einem zwischen den Felsen verankerten Buttplug und hält Wache. Rechts oben ragt die zeichnerische Abstraktion dieser Buttplug-Gesäß-Relation richtungsweisend ins Bild, als Fanal einer universalen Verstopfung. Der Gutmütigkeit, die man den Religiösen entgegengebrachte, wurde mit großer Niedertracht begegnet. Auf dass wir alle Tiere werden, die man mit einem Bolzenschussgerät erlösen kann." (Aus: Strapazin Nr. 109, 2012).

(1996) 

Zeichnung (257) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Aus den Annalen einer institutionellen Verstopfung. Eine Priesterweihe im Petersdom zu Rom schwebt kopfüber am Himmel und verschwindet in einer unbestimmten Ferne. Davor ein notdürftig geflickter Buttplug, der aussieht wie ein Stopfpilz mit einem Fingerhut, und eine Kordel aus Exkrementen, die links oben aus einem Papierschutzring hervorkommt und sich wie eine Stola um den Hals einer nackten menschlichen Figur legt. In der rechten, oberen Bildecke Teile einer barocken Brüstung und eine abwehrende oder streichelnde Hand rechts unten in einem Quadrat. Zwei amerikanische Soldaten stehen im ersten Golfkrieg mit ihren Gewehren im Anschlag Wache. Einzelne Grashalme schwanken im Wind. Die nackte Person ist mit ausgestreckten Armen und Beinen so auf einen Besenstiel aufgespießt worden, daß ihr der Stab oben aus der Schädeldecke wieder hervorkommt. Aus der Lehre der Anatomie: Die verschiedenen Hautzonen der Figur sind ihr im Verhältnis zu den dazugehörigen Wirbelringen zu Anschauungszwecken abwechselnd schwarz und weiß auf den Leib gemalt worden." (Aus: Strapazin Nr. 109, 2012).

(1996) 

Zeichnung (258) aus DIE BASIS DES MAKE-UP

"Ein schlafender israelischer Soldat und die Silhouette eines gehenden im Lebanonkrieg, 2006. Unter den Zweigen eines Olivenbaumes und dem Schattenriß einer Palme auf dem Gelände des 1946 von Rudolph Schindler aus Holz und Steinen erbauten Toole Hauses in Palm Desert, Kalifornien. Der Gehende schreitet auf das von Schindler entworfene Eisentor zu. Flächendeckend ein seltener Regen, dessen Tropfen längliche Spuren auf den Filmbildern hinterlassen. Oben rechts das Konterfei des Vier-Sterne-Panzergenerals George S. Patton auf einer Verkaufstüte des Buchladens im General Patton Memorial Museum am Interstate Highway 10 am Rande der kalifornischen Yoshua Tree Wüste. "May God have mercy upon my enemies, because I won't." Patton starb im Dezember 1945 in Heidelberg nach einem Autounfall in Mannheim. Der Schlaf der Gerechten im Clinch mit dem Schlaf der Vernunft, der Monster hervorbringt. Morpheus, der Sohn des Schlafes, ist der Gott der Träume. Er kann jede Form annehmen und erscheint den Träumenden in tausend Gestalten." (Aus: arsenal, september 11).

(2007) 

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