Years of Construction

YEARS OF CONSTRUCTION, Kunsthalle Mannheim 2013-2018, © Heinz Emigholz Filmproduktion und Filmgalerie 451
YEARS OF CONSTRUCTION, Kunsthalle Mannheim 2013-2018, © Heinz Emigholz Filmproduktion und Filmgalerie 451
YEARS OF CONSTRUCTION, Kunsthalle Mannheim 2013-2018, © Heinz Emigholz Filmproduktion und Filmgalerie 451
YEARS OF CONSTRUCTION, Kunsthalle Mannheim 2013-2018, © Heinz Emigholz Filmproduktion und Filmgalerie 451
YEARS OF CONSTRUCTION, Kunsthalle Mannheim 2013-2018, © Heinz Emigholz Filmproduktion und Filmgalerie 451
YEARS OF CONSTRUCTION, Kunsthalle Mannheim 2013-2018, © Heinz Emigholz Filmproduktion und Filmgalerie 451
YEARS OF CONSTRUCTION, Kunsthalle Mannheim 2013-2018, © Heinz Emigholz Filmproduktion und Filmgalerie 451
YEARS OF CONSTRUCTION, Kunsthalle Mannheim 2013-2018, © Heinz Emigholz Filmproduktion und Filmgalerie 451
YEARS OF CONSTRUCTION, Kunsthalle Mannheim 2013-2018, © Heinz Emigholz Filmproduktion und Filmgalerie 451

Years of Construction

Baujahre
Kunsthalle Mannheim
2013–2018

Photography and beyond – Part 29
Photographie und jenseits – Teil 29

Film von Heinz Emigholz
D 2013–18, 93 Minuten
DCP, 5.1, kein Dialog

Buch und Regie: Heinz Emigholz
Kamera und Schnitt: Heinz Emigholz, Till Beckmann
Originalton und Postproduktion: Till Beckmann
Sound Design: Christian Obermaier
Tonmischung: Jochen Jezussek
Produzenten: Heinz Emigholz, Ulrike Lorenz
Finanziert von der H.W. & J. Hector Stiftung
Gefördert von der Stadt Mannheim, der Kunsthalle Mannheim und der Stiftung Kunsthalle Mannheim
Dank an Beatrice von Bormann, Hanno Diehl, Bogomir Ecker, Sebastian Fath, Hans-Werner Hector, Josephine Hector und das Team der Kunsthalle Mannheim
Vertrieb: Filmgalerie 451

Copyright 2019 by Kunsthalle Mannheim und Heinz Emigholz Filmproduktion

Architekt des Jugendstilbaus von 1907: Hermann Billing
Generalsanierung 2010–2013: Pitz & Hoh Architektur und Denkmalpflege GmbH
Architekten des Neubaus 2014–2017: gmp Architekten – von Gerkan, Marg und Partner

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Years of Construction zeigt den Abriß und den Neuaufbau der Kunsthalle Mannheim in den Jahren 2013 bis 2018.

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Years of Construction widmet sich dem Prozeß der schrittweisen Entwicklung eines Museumsneubaus am zentralen Mannheimer Friedrichsplatz in den Jahren 2013 bis 2018. Er zeigt den renovierten Jugendstilbau von 1907 im Kontext mit einem Erweiterungsbau aus den 1980er Jahren, der zusammen mit einem darunterliegenden Nazibunker zu Beginn der Drehzeit abgerissen wird. Nach dem Abriß wird der Neubau des von gmp gestalteten Museums zum Hauptthema des Films, von der Aushebung der Baugrube bis zur Eröffnung der ersten Ausstellung, in den Wiederholungsschleifen einer begleitenden Betrachtung. Vorher und Nachher werden in dreiundneunzig Minuten zusammengerafft und vergleichbar gemacht, und verschwinden nicht in nebulösen Zeitfenstern.

Years of Construction beginnt und endet mit Bildern der Stadt Mannheim, die auf dem Höhepunkt ihrer industriellen Entwicklung eines der ersten Bürgermuseen der europäischen Moderne gründete. Unter dem Motto „Kunst für alle“ entwickelte sich die Kunsthalle Mannheim am Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur zu einer Avantgarde-Institution in der Definition und Rezeption der Moderne, sondern zugleich auch zur Vorkämpferin für kulturelle Volksbildung. Über 100 Jahre später beobachtet Heinz Emigholz in einem Langzeitprojekt den Prozess ihrer materiellen und geistigen Transformation.

Fünf Baujahre lang begleitet seine Kamera die schrittweise Entwicklung am Friedrichsplatz: vom generalsanierten Jugendstilbau und der Abschiedsausstellung „Nur Skulptur!“ 2013 über den Abriss des Erweiterungsgebäudes der 1980er Jahre bis hin zum im Juni 2018 eröffneten Neubau. Dabei schweift der Blick des Regisseurs durch die Zwischenräume und Öffnungen der entstehenden Museumsarchitektur immer wieder in den Stadtraum aus. Emigholz‘ eigensinnige, konzentrierte Dokumentation zeigt die Kunsthalle als Erweiterung des urbanen Raums mit anderen Mitteln und nach eigenen Gesetzen: Das „Museum in Bewegung“ antwortet der Stadt mit Offenheit, Mehrdeutigkeit und Eigendynamik.

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Der erste Drehtag zu Years of Construction war Samstag, der 17. August 2013, der Letzte ein Dienstag, 12. Juni 2018. Als ich mich auf Vorschlag von Ulrike Lorenz, der Direktorin der Kunsthalle Mannheim, für das Projekt entschied, wußte ich nicht, wer die ausführenden Architekten sein würden. Es war mir auch egal, weil mich als Kern des Projektes der Prozeß des Bauens reizte, der des Renovierens, des Niederreißens und des Wiederaufbauens, und die notwendigen Wiederholungsschleifen einer begleitenden Betrachtung.

    Alle drei Aktivitäten, die Bewahrung und Herrichtung des Billing-Baus von 1907, der Abriß des Mitzlaff-Baus von 1983, samt Zertrümmerung des darunterliegenden Tiefbunkers aus der Nazizeit, und der Neubau des Museums durch gmp aus einer geglätteten Baugrube hervor, sind in dem Film enthalten. Man sieht das Vorher und das Nachher, von einer letzten Ausstellung im Altbau bis zu der ersten Einrichtung von Kunst im Neubau in chronologischer Abfolge. Das heißt auch, daß Vorher und Nachher in dreiundneunzig Minuten zusammengerafft und vergleichbar werden, und nicht in nebulösen Zeitfenstern verschwinden. Dazu kamen Ausflüge in die städtische Umgebung, in deren Verkehr wir uns treiben ließen. Die Stadt Mannheim leistet sich einen Ort der Kontemplation und Meditation, der in aller Ruhe und Aufregung errichtet wurde, während um ihn herum die Geschäfte weitergingen. Daß dazu die Idee kam, diese Bauaktivität beobachten und dokumentieren zu lassen, war eine rühmliche Ausnahme. Städtische Archive und Sammlungen weisen oft nur Zufallsfunde auf und werden selten als Produzenten von Dokumentationen aktiv. Das Fernsehen und die öffentlichen Filmförderungen sind wegen ihrer Produktionsabläufe und Regularien dazu meist nicht in der Lage und mancherorts auch nicht Willens, diese Aufgabe zu übernehmen. Insofern mußte hier eine in Auftrag gegebene künstlerische Forschung die Lücke schließen. Für diese Möglichkeit bin ich dankbar, weil ich denke, daß die Dokumentation gestalteter Räume und Oberflächen dieser Welt in der Lage ist, das Geheimnis des menschlichen Geistes und seiner Aktivitäten zu offenbaren.

     Sehen ist immer auch eine Grenzerfahrung. In der fünfjährigen Drehzeit von Years of Construction gab es dreizehn Drehphasen von zwei bis drei Tagen Dauer. Im selben Zeitraum fertigte ich fünf lange und drei kurze Filme und etliche Musikvideos an, dazu kam eine einjährige schwere Krankheit, die meine Arbeit behinderte. Das Mannheim-Projekt begleitete also den prinzipiellen, aber auch krisenhaften Abschluß meiner Serie von Architekturfilmen, und nach einer 25jährigen Pause ein neues Interesse an avancierten Formen filmischen Erzählens. Ich glaube, daß Years of Construction auf vermittelte Weise auch diesen Wechsel wiederspiegelt. Er gewährt einen Raum zum Denken und für notwen-dige Veränderungen. Changing of the guards war schon immer mein Motto. Langzeitprojekte kommen in filmischen Biografien eher selten vor, es sei denn, man sieht eine gesamte Filmografie als ein Langzeitexperiment an, mit vielen Verbindungslinien und ungewissem Ausgang. Ich neige dieser Einstellung zu.

Heinz Emigholz

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Es war im Spätherbst 2012, als ich Heinz Emigholz in der Zwinger Galerie in Berlin zum ersten Mal traf. Mich hatte das wilde Wuchern und die ikonografische Textur seiner Zeichnungsserie wie ein Blitz getroffen. Diese luzide Dialektik aus popkultureller Welthaltigkeit der Splitter und hermetischem Sinnentzug im Ganzen bei klarster Linienqualität war mir nirgendwo sonst begegnet. Die Architekturfilme konnte ich zu diesem Zeitpunkt nur im bewußten Vorbeisehen, von dem Valéry spricht, wahrnehmen. Es war mir nicht möglich, die wortlos lautreiche Bilddichte zu durchdringen; mein Blick glitt an vorüberziehenden Oberflächen ab. Erst als plötzlich die Stimme des Autors sich in der Eingangssequenz des Films Schindlers Häuser über einer anonymen Straßenkreuzung in Los Angeles erhob, rastete etwas ein. Da das beginnende fokussierende Suchen nicht mit der Auffindung einer signature architecture belohnt wurde, setzte mentale Sogwirkung ein. Von nun an folgt mein eigenes denkendes Sehen jenen lebendig sich herantastenden Sichtachsen, die Emigholz seit über 40 Jahren mit seiner Kamera wie Tunnel in die gebaute Realität treibt.

    In Mannheim sollte für das über 100-jährige Museum moderner Kunst eine neue Fassung gefunden werden. Ich konnte die privaten Stifter des Unternehmens überzeugen, das antizipierte Filmprojekt von Heinz Emigholz ebenfalls zu finanzieren. So spreche ich den Künstler rundheraus an. Er antwortet mit souveräner Indifferenz. Meine Vorstellung ist der Auftrag zu einem bis dato undenkbaren Langzeitprojekt, das Lebensenergie und Arbeitszeit fressen wird. Dann besucht Emigholz Mannheim. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, das Kunsthallenprojekt am schönsten Platz dieser im Zweiten Weltkrieg traumatisch zerbombten Stadt im urbanen Zusammenhang zu verankern. Den magischen Schindler-Moment im Hinterkopf, führe ich Heinz zu den anonymen Betonwucherungen vor Ort, die mich seit 2009 am meisten beeindrucken: den dröhnenden Verkehrsknotenpunkt am westlichen Rand des Stadtzentrums und das dampfende Steinkohle-Großkraftwerk am Rhein, auf das man sich mit einer Fähre zutreiben lassen kann wie auf eine Science-Fiction-Festung. Erst später wird klar, daß dies nicht nur der Strömung der Emigholzschen Filmografie zuarbeitet, sondern auch unserem Fahrt aufnehmenden Museumskonzept „Stadt in der Stadt“.

     Heinz lässt sich darauf ein. Das losgetretene Experiment – als Sequenz aus gleichartigen Arbeitsschritten minutiös geplant – entfaltet ästhetischen Eigensinn. Der Film beobachtet erstmals keine schon gestalteten Räume, sondern die allmähliche Verfertigung von Räumen beim Bauen. Der Regisseur zerlegt zwar die dreidimensionale Realität weiterhin in filmische Einstellungen, die er in seiner Projektion neu konstruiert, aber diese Gestaltung zweiter Ordnung wird überlagert vom Bauprozess selbst, der unerwartet narrative Spannkraft freisetzt. Das potenziert in gewisser Weise die Energiefelder, unter deren Einfluss die Fotografie eines sich über fünf Jahre hinweg total transformierenden Ortes stattfindet. Emigholz verschraubt im Film Years of Construction nicht nur Raum fotografisch, sondern mit diesem auch die vierte Dimension des gefilmten Prozesses. Die konstruierten Bilder der sich konstruierenden Realität, linear angeordnet, schichten sich im Akt des Sehens und Erinnerns aufeinander. So formt der Film aus den Baujahren einer entstehenden Architektur im Raum eine „imaginäre Architektur in der Zeit“. Sie versetzt den Betrachter im Kinoraum in den oszillierenden Modus einer antwortenden Projektion: „Das Auge als Schnittstelle zwischen Gehirn und Außenwelt, der Blick eine komponierende Kraft, die eine Idee nach Außen stülpt, in der Realität gespiegelt vorführt und sie mit den Mitteln der Kinematographie begreift.“

    Ulrike Lorenz

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Kunsthalle Mannheim

Als eine der ersten Bürgersammlungen der Moderne weltweit, zählt die Kunsthalle Mannheim mit Schlüsselwerken von Edouard Manet bis William Kentridge sowie einem herausragenden Skulpturenschwerpunkt zu den renommiertesten Kunstmuseen Deutschlands. 1909 als Museum für aktuelle Kunst gegründet, entwickelte sie sich mit kühnen Erwerbungen und innovativen Ausstellungsstrategien zu einer Pionierinstitution in der Definition und Rezeption der Moderne. Schon 1910 wurde Edouard Manets Großformat „Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“ (1868/69) erworben. Mit programmatischen Ausstellungen wie „Die Neue Sachlichkeit“ (1925) und „Wege und Richtungen der abstrakten Malerei in Europa“ (1927), aber auch mit Museumspremieren von Wilhelm Lehmbruck (1916), Max Beckmann (1928), dem deutschen und französischen Informel (1957/58) oder Francis Bacon (1962) prägte die Kunsthalle Mannheim den wissenschaftlichen Diskurs und schrieb Kunstgeschichte. 2018 eröffnete sie ihren richtungsweisenden Neubau mit einem dynamischen, bewusst nicht-akademischen Museumskonzept. Gemäß ihres demokratischen Gründungsmottos „Kunst für alle“, tritt sie mit einer umfassenden digitalen Strategie neu in Erscheinung.

Architektur-Ensemble

Der historisch gewachsene Komplex der Kunsthalle Mannheim am schönsten Platz Mannheims umfasst Hermann Billings Jugendstil-Bau von 1907 und den 2017 fertiggestellten Hector-Bau des Hamburger Büros gmp – von Gerkan Marg und Partner. Zwei Architekturen für programmatische Museumskonzepte wie sie unterschiedlicher nicht sein können: lichtdurchflutet, zeitlos, offen und urban die eine, plastisch ausdrucksstark und stattlich die andere.

Jugendstilbau

Der historische Gründungsbau der Kunsthalle wurde 1906/07 nach Plänen von Hermann Billing zum 300-jährigen Stadtjubiläum für eine Internationale Kunst- und Gartenbau-Ausstellung errichtet. Der bekannte Karlsruher Architekt entwarf ein zweiflügeliges Galeriegebäude mit zentraler Kuppelhalle und imponierendem Löwenportal in dem für Mannheim charakteristischen roten Mainsandstein. Billings Architektur mit Tageslichtdecken und geschlossenen Seitenwänden für die Hängung von Gemälden entsprach den damals progressivsten Museumsstandards. Der Name „Kunsthalle“ untermauerte 1909 den Gründungsauftrag: Die Industriestadt, wo Fahrrad und Auto erfunden wurden, wagte die mutige Auseinandersetzung mit aktueller Kunst. Dafür entwickelte Gründungsdirektor Fritz Wichert das visionäre Konzept eines „Museum von Bedeutung“, das auf Qualität und Eigenart setzt, statt auf ein lückenloses historisches System. Seine Kunsthalle war nicht nur konsequent der künstlerischen Avantgarde und der ästhetischen Menschenbildung verpflichtet, sondern leistete auch einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Mannheims als Kulturstadt.

Neubau am Friedrichsplatz

2012 ging die größte deutsche Architektensozität gmp – von Gerkan, Marg und Partner aus Hamburg als Sieger aus einem internationalen Wettbewerb für die neue Kunsthalle Mannheim hervor. Das spektakuläre Raumkonzept ihres ersten Museumsprojekts in Europa spielt auf die historische Schachbrett-Struktur Mannheims an. Konzipiert als offene Stadt in der Stadt, reklamiert die Architektur Dynamiken und Grundelemente des Urbanen. Ein filigranes Metallgewebe umhüllt sieben Ausstellungshäuser, die sich um ein zentrales, 22 Meter hohes Atrium gruppieren. Dreizehn vielgestaltige Galerien – Kuben genannt – sind über Brücken, Treppen und Terrassen miteinander verbunden: 3.600 Quadratmeter für moderne und zeitgenössische Kunst. Riesige Fenster erlauben Ein- und Ausblicke nach allen Seiten und integrieren die Kunsthalle in die Stadt. Der derzeit wichtigste Neubau eines Kunstmuseums in Deutschland wurde von SAP-Mitbegründer Hans-Werner Hector mit einer bedingungslosen 50-Millionen-Euro-Spende initiiert. Insgesamt betrug das Baubudget 68,3 Millionen Euro. Die Grundsteinlegung fand im März 2015 statt. Nach knapp drei Jahren wurde der Neubau im Dezember 2017 der Stadt Mannheim als Geschenk übergeben.

Museum in Bewegung

Am 1. Juni 2018 feierte die Kunsthalle Mannheim das Grand Opening mit ihrem Konzept „Museum in Bewegung“. Es knüpft an die demokratischen Gründungsmaximen der Institution an: Kunsthalle für alle – ein weltoffener Ort und öffentlicher Freiraum, der Menschen aller Generationen und Kulturen einlädt, ihre Anschauungen und Vorstellungen mit- und einzubringen. Statt Meistererzählungen der Kunstgeschichte im Gänsemarsch der Stile zu präsentieren, knüpft die Kunsthalle an aktuelle Diskurse der Gesellschaft an. Existentielle Themen stehen im Mittelpunkt wechselnder Sammlungspräsentationen, programmatischer Ausstellungen und eines differenzierten Veranstaltungsprogramms. Ein spannungsreicher Parcours mit Meisterwerken der Klassischen Moderne und zeitgenössischen Kunst, mit ortsbezogenen Positionen und temporären Künstlerprojekten ermuntert die Museumsbesucher zu Austausch und Diskussion. Kunst wird Anlass für Kommunikation. Eine umfassende digitale Strategie bietet völlig neue Werkzeuge und Kanäle der Verständigung: MuseumsApp, Collection Wall, Creative Lab und persönlicher Museumskatalog intensivieren interaktives Entdecken und Mitmachen. Eine neue Museums- und Kunsterfahrung wird Teil des Alltags.

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Photographie und jenseits

Meine Arbeit als Filmemacher besteht darin, den dreidimensionalen Raum auf einer zweidimensionalen Bildfläche zu präsentieren, ihn also in filmische Einstellungen zu zerlegen und in der Projektion neu zu konstruieren. Kameraarbeit ist so gesehen eine architektonische Tätigkeit. Photographie und jenseits ist eine Filmserie, an der ich seit 1983 arbeite.

Die Filme befassen sich als gestaltete Produkte mit Räumen, die schon gestaltet worden sind. Eine zweite Gestaltung wird über eine erste gestülpt. Ich habe mich gefragt: Wie wird ein Bewusstsein über Räume und Orte erzeugt ohne eine dazwischen geschaltete Dramatisierung, wie können die Räume für sich selbst sprechen? Die Entscheidung war, Film wieder auf das zu konzentrieren, was er wesentlich ist: Abbildungsfunktion und lineare Strecke, also Repräsentant des Raumes und der Blicke. Jenseits meint dabei nicht den Himmel, also irgendeine religiös definierte Transzendenz, sondern den Raum hinter der Retina, in dem wir lesen und fühlen, was wir sehen – der Raum, in dem das Gesehene in unser Bewusstsein hinein oder aus ihm heraus übersetzt wird.

In dieser Serie muss sich der Film tatsächlich messen lassen an dem, was er abbildet und wie er das tut. Er soll tatsächlich einfach nur zeigen. Er soll bewußt Kreuzungen von Ort und Zeit anlegen, bewahren, anschauen und analysieren – also wieder sehen lassen, was außer ihm war. Das heißt, der Film gerät wieder in eine reale Relation zur Oberfläche der Welt. Die Fotografie eines Ortes findet unter dem Einfluss von Kraftfeldern statt. Sie sind bei der Komposition des Bildes unmittelbar in den Augen zu spüren. Der Raum wird fotografisch verschraubt. Er realisiert sich in der Relation von Blick und Wirklichkeit im Prozess eines durchdringenden Abtastens.

Seit ich Filme mache – also seit fünfundvierzig Jahren (und für mich ist Filmemachen synonym mit Kameraarbeit, die ich selbst ausführe), bin ich fasziniert vom Kadrieren des filmischen Bildes. Also von der Konstruktion eines Bildes durch Komposition seiner Flächenbestandteile innerhalb eines vorgegebenen Rechteckes. Ich bin kein Architekt, habe keine Ahnung von der Gestaltung dreidimensionaler Objekte, sehe mich aber als Spezialist, dreidimensionale Situationen auf eine Bildfläche überführen zu können.

Und dann werden diese konstruierten Bilder (die durch eine bereits konstruierte, dreidimensionale Realität ermöglicht worden sind) in einer linearen Weise angeordnet, werden aufgehäuft, addiert in unserem Bewusstsein im Akt des Sehens und Erinnerns, und so wird aus einem Film eine imaginäre Architektur in der Zeit.

Man kann dann vielleicht darüber meditieren, was Architektur ist, war oder sein könnte. Aber um das geschehen zu lassen, müssen die Bilder von den Wörtern getrennt werden. Denn was diese Bilder uns wesentlich zu erzählen haben, sind nicht Wörter und Sätze, sondern Räume und Oberflächen und deren Beziehungen, denn das sind die Bestandteile der architektonischen Erfahrung.

Heinz Emigholz